Der schöne Schein

Kann es Authentizität in einer Welt voller Verkäufer, Marken, Images, Logos und Corporate Identitys überhaupt noch geben? Woran erkennt man, dass man ganz bei sich selbst ist und nicht fremdbestimmt handelt? Sich zu verkaufen, sich positiv zu präsentieren und zu inszenieren, unabhängig von der eigenen Gemütslage und Persönlichkeit, wird nicht nur in der Lohnarbeitswelt gefordert, sondern ist auch gang und gäbe im zwischenmenschlichen Bereich. Vielen geht das ins Blut über. Besucht man diverse Singlebörsen, präsentieren sich die Nestsucher von ihrer vermeintlichen Schokoladenseite. Sie möchten, dass ein verkaufsförderndes Bild im Persönlichkeitsmarkt über sie entsteht. Der Glaube an Marken, Bilder und Images hat zunehmend den Rang eines religiösen Dogmas.

Politiker inszenieren sich in den Massenmedien, lassen ebenfalls ein gewisses Bild von sich entstehen. Medien manipulieren, verzerren und senden Halbwahrheiten. Firmen erzeugen Mythen, Geschichten und Bilder über ihre Marken und Produkte. Vermeintliche Rapper, wie z.B. Bushido, inszenieren sich als Gangster-Rapper, obwohl sie in einem gutbürgerlichen Milieu aufgewachsen sind. In sozialen Netzwerken, wie facebook, Studi VZ, myspace usw. wird sich öffentlichkeitswirksam inszeniert. In Ehen und Beziehungen, in denen gestritten, gelogen und betrogen wird, wird alles getan, damit sie nach außen harmonisch und liebevoll erscheint. Ein trügerisches Bild der Einigkeit soll aufrecht erhalten werden. Computer- und Konsolenspieler ergötzen sich an virtuellen Erfolgsgefühlen, die aber kalt und schal schmecken. Willkommen in der Welt der schönen Täuschung und des schönen Scheins.

Authentizität bezeichnet eine positive Eigenschaft, die Vertrauen, Echtheit und Glaubwürdigkeit unterstreichen. Wer authentisch ist und handelt, der folgt seinem Willen und ist nicht von sich selbst entfremdet. Sind wir in einer Welt voller Lügen, Inszenierungen und konstruierten Images zur Unterscheidung zwischen Schein und Sein überhaupt noch fähig? Was ist Wahrheit und was Inszenierung?

Authentizität steht nicht im Gegensatz zur Inszenierung, sondern ist selbst Inszenierung. [...] »So wirken Sie authentisch«, lauten folgerichtig die Ratschläge für Vorstellungsgespräche. [...] Authentizität als Warenwert.

- Karin Priester, »Politik und Authentizität«, Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 7/2010, Seite 103

Der Prozess der Selbstfindung wird zur Selbstvermarktungsstrategie. Typ-Coaching, Selbstmanagement und marktkonformes Auftreten sind gefragt. Der individuelle Kern eines jeden Menschen, soll auf die Bedürfnisse des Marktes zugeschnitten werden. Letztlich findet eine Selbstentfremdung statt, ohne dass es bemerkt wird. Man hält die sozioökonomische Struktur unserer Gesellschaft für gottgegeben (»man könne ja doch nichts dagegen machen«) und setzt sich eine marktkonforme Maske auf, die in Haut, Blut und Herz übergeht. Wichtig ist demnach, nicht mehr nur seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen, sondern sich selbst als Träger bestimmter Persönlichkeitsmerkmale zu begreifen. Man betreibt z.B. Sport weil es sozial erwünscht ist, weil Fitness als Audruck der eigenen Selbstbeherrschung und Fettleibigkeit als Zügellosigkeit gilt. Oder man engagiert sich ehrenamtlich, weil es auf dem Lebenslauf gut aussieht, nicht weil man zwingend hinter den Idealen steht.

Der Zwang zur Selbstinszenierung und die mediale Dauerpropaganda verwischen und verwässern die individuelle Wahrnehmung zwischen Schein und Sein. Zwischen Original und Fälschung. Selbst die Erkenntnis eine Lüge erkannt zu haben, rettet das Subjekt nicht davor, ihr nicht zu erliegen. Jeder weiß, dass Werbung lügt und trotzdem wird ihr geglaubt. Wir sind auch gern bereit, Komplimente über uns glauben zu schenken.

Eine Illusion, die uns schmeichelt, ist uns lieber als zehntausend Wahrheiten.

-Alexander Sergejewitsch Puschkin, russischer Dichter

8 Gedanken zu “Der schöne Schein

  1. »Authentizität steht nicht im Gegensatz zur Inszenierung, sondern ist selbst Inszenierung. [...] »So wirken Sie authentisch«, lauten folgerichtig die Ratschläge für Vorstellungsgespräche. [...] Authentizität als Warenwert.«

    Wenn irgendwelche Coaching-Firmen, Buch-Ratgeber oder wer auch immer Authentizität meint inszenieren zu müssen, so wird doch deshalb meine eigene Authentizität, die ich dem Konformismus, in den ich täglich gezwungen werde, abringe, so wird sie deshalb doch nicht unwahr; wenn andere Authentizität zur Ware machen, heißt das doch nicht, dass meine Authentizität damit ebenfalls automatisch zur Ware wird.
    Ich erlebe es jedenfalls so: Wenn ich eine Reflexion über das menschliche Dasein unterfüttere mit den Worten, ich habe dies und das erlebt, und das hat mich zu dieser Reflexion geführt, dann schalten die meisten Leute reflexartig ab.

  2. Dem schönen Schein steht der Schein des Schönen gegenüber, und dieser Schein des Schönen ist, Walter Benjamin zufolge, der Wahrheit wesentlich.

    Um diese apokryphen Worte zu verstehen, muss man Benjamins Aufsatz über Goethes Wahlverwandtschaften lesen — und am besten noch den ganzen Proust, also die gesamte Recherche. Dann kommt man zu einem vertieften Verständnis des Phänomens SCHEIN.
    Schein ist nicht nur Lüge, Schein ist der Wahrheit wesentlich, und zwar insofern, als der Schein des Schönen das Subjekt sollicitiert, anlockt, spricht, komm zu mir, ich bin das Absolute .... und indem das Subjekt sich überhaupt auf den Weg macht, auf den Weg des Lebens, auf den Weg der Desillusionierung, betritt es den Weg der Erfahrung. Womit wir wieder bei der Authentizität wären.

  3. Es gibt die Benjamin-Stelle, die ich meine, sogar im Internet:

    »Demnach bleibt in aller Schönheit der Kunst jener Schein, will sagen jenes Streifen und Grenzen ans Leben noch wohnen und sie ist ohne diesen nicht möglich. Nicht aber umfaßt derselbe ihr Wesen. Dieses weist vielmehr tiefer hinab auf dasjenige, was am Kunstwerk im Gegensatze zum Schein als das Ausdruckslose bezeichnet werden darf, außerhalb dieses Gegensatzes aber in der Kunst weder vorkommt, noch eindeutig benannt werden kann. Zum Schein nämlich steht das Ausdruckslose, wiewohl im Gegensatz, doch in derart notwendigem Verhältnis, daß eben das Schöne, ob auch selber nicht Schein, aufhört ein wesentlich Schönes zu sein, wenn der Schein von ihm schwindet. Denn dieser gehört ihm zu als die Hülle und als das Wesensgesetz der Schönheit zeigt sich somit, daß sie als solche nur im Verhüllten erscheint. Nicht also ist, wie banale Philosopheme lehren, die Schönheit selbst Schein.
    ((...))
    Nicht Schein, nicht Hülle für ein anderes ist die Schönheit. Sie selbst ist nicht Erscheinung, sondern durchaus Wesen, ein solches freilich, welches wesenhaft sich selbst gleich nur unter der Verhüllung bleibt. Mag daher Schein sonst überall Trug sein — der schöne Schein ist die Hülle vor dem notwendig Verhülltesten. Denn weder die Hülle noch der verhüllte Gegenstand ist das Schöne, sondern dies ist der Gegenstand in seiner Hülle. Enthüllt aber würde er unendlich unscheinbar sich erweisen. Hier gründet die uralte Anschauung, daß in der Enthüllung das Verhüllte sich verwandelt, daß es ‘sich selbst gleich’ nur unter der Verhüllung bleiben wird. Also wird allem Schönen gegenüber die Idee der Enthüllung zu der der Unenthüllbarkeit. Sie ist die Idee der Kunstkritik.«

    Quelle: http://walter-benjamin-bluemchen.tumblr.com/post/4192157458/demnach-bleibt-in-aller-schonheit-der-kunst-jener

    Der Wahlverwandtschaften-Aufsatz war Gegenstand meiner mündlichen Prüfung im 1. Staatsexamen. Ich bin zuerst in die Knie gegangen, wurde krank, der Prüfungstermin musste verschoben werden. Ich hatte mehr Zeit, um mich in diesen Aufsatz einzuarbeiten.

  4. @Klaus
    Edel. Ich hoffe schwer, — ich zerstöre die Wirkung danach jetzt nicht mit meinen niveaulosen Brachialvergleichen. Aber ich musste beim Lesen von epikurs Text an einen sehr »authentischen« (da die Handlungen auch praktisch nachvollziehbar waren), alten Ausspruch eines Bekannten denken, — den er tätigte nachdem sich, eine im technokratischen Vergleich und auch demenstsprechend üblichen Geschwätz des Umfeldes, — eher unattraktive Frau gewundert hatte, warum er sich ausgerechnet in sie verliebt hatte.

    Die Macht der Subjektivität ist stärker, als die der Objektivität, Und auch menschlicher.
    Ich bin eine Künstlerseele, — ich entscheide selber, was schön ist.

  5. Ich habe das sehr mühsam erlernt. Nämlich das Menschen mit Authentizität grundsätzlich zu einer grundsätzlichen Ehrlichkeit tendieren. Wer sich eine Maske des Scheins aufsetzt, der hat etwas zu verbergen, zumeist seine Motive, oft auch sich selbst als innerlich »hässlichen« Menschen. Bösartigkeit, Hass und Gemeinheit versteckt sich gern. Nicht umsonst heißt es, das der Teufel gerne die Gestalt eines Engels des Lichts annähme. So gelingt die Täuschung der Unbedarften viel besser.

    Es ist also ein Charaktermerkmal des Authentischen sich nicht zu verstecken, sondern so zu zeigen bzw. geben, wie man ist. Seine ganze Erbärmlichkeit, seine Fehler und Schwächen. Motive nicht zu verheimlichen, sondern offen zu sagen, was man erreichen will, wie man vorgehen wird.

    Der authentische Mensch ist in der Rolle, die ihm eine Fremdbestimmung abverlangt, normalerweise überfordert. Auch wenn er das nicht bewußt erlebt, schafft er auf Dauer die Spaltung zwischen seinen wahren Motiven und den geforderten Handlungen nicht. Er muss daraus ausbrechen und das führt bei vielen zur Flucht in psychosomatische Beschwerden, zu Krankheiten und beruflichem wie sozialen Mißerfolg. Das bildet einen Ausweg aus dem Zwang zu funktionieren und sich der Fremdbestimmung zu ergeben.

    Arno Gruen attestiert Menschen mit dieser Eigenschaft ein höheres Potential an geistiger Krankheit zu leiden, gerade weil dieser Zwiespalt so stark erlebt wird, ist der Weg in den »Irrsinn« die letzte Methode der irrsinnigen Welt der Gaukler und Täuscher doch noch zu entrinnen.

    Authentische Menschen wissen um ihre wirklichen Bedürfnisse im grunde ihres Herzen. Sie können sich stark einfühlen in das, was sie wirklich begehren und da geht es um den Urantrieb des Menschen selbst: Die bedingungslose Liebe. Sie wollen diese geben und empfangen. Ersatzbefriedigungen erkennen sie viel leichter als das was sie sind und können damit weniger bis nichts anfangen, als typische Maskeradeträger, Haben-Charaktere.

    Was hilft diesen Menschen in aller Regel?

    Stehen zu sich selbst. Dazu übergehen die eigenen Bedürfnisse weiter herauszuschälen aus allen Ersatzhandlungen und sich damit arrangieren wie andere Menschen und diese Welt ist, ohne sich selbst aufzugeben. Man kann auch beruflich erfolgreich sein, ohne sich selbst aufzugeben. Man kann auch mit dieser Gesellschaft leben, man muss sich nur selbst eingestehen und verinnerlichen, das selbst der authentischste Mensch selbst auch manchmal und in anderem Maße zur Maske greift. Nämlich immer dann, wenn er selbst einen Fehler macht ihn zu kaschieren versucht oder anders lügt. Auch wenn er das Lügen niemal so verinnerlicht hat, ist er dem Maskenträger, dem Falschen trotzdem verhaftet. Er hat diesen Teil menschlichen Potentials nicht so weit entwickelt wie andere, er kann diesen Teil von sich Selbst aber auch nicht verleugnen. Und wenn soviel Ehrlichkeit da ist, kann ein authentischer Mensch leicht seinen größten Trumpf spielen: Seinen Hang allen Menschen zu vergeben und sich mit ihnen in Gemeinschaft zu fühlen, ohne ihre schlechte Handlungsweise zu kopieren.

    Es muss festgehalten werden, das der eigene Wille und dazu konform zu gehen oft mit Lügen untermauert wird von jenen, die glauben wollen Frei zu sein und doch Sklaven sind ihres Selbst, ihrer Unterdrücker oder eines Umstandes.
    Bei Rauchern kann man das leicht herausarbeiten. Rauchen ist Sklaverei unter die nächste Zigarette. Das ist Fakt. Was lügen sich Raucher einen zurecht um ihre Unfreiheit als Freiheit zu verkaufen!
    Genauso gibt es viele Geschichten von jenen, die sich frei fühlen zu stehlen, morden und dergleichen aber am Ende nur Sklaven ihrer Begierden sind. Haben wollen, Besitzen wollen und dafür die eigenen Grenzen und die anderer Menschen überschreiten. Darunter leiden tun sie dann selbst oft sehr. Meistens aber schon so lange, das sie es gar nicht mehr fühlen können, sich also selbst entfremdet sind und es auch verdrängen müssen, weil ein zu hohes Leiden damit verknüpft ist und authentisches Sein dazu auffordert, den eigenen Überzeugungen gemäß zu handeln. Das ist ein Grund warum viele Menschen so irrational Erkenntnissprozesse blockieren und was vereinfacht als psychische Widerstände betrachtet werden kann.

    Der authentische Mensch stirbt lieber im Leben als das er im Tod lebt.

  6. Das Zitat Puschkins passt gut zu Ihrem Text, aber nur in der Übersetzung, die Sie haben, und die ist leider falsch. Woher stammt eigentlich diese Übersetzung?
    Richtiger wäre — »Eine Illusion (Täuschung geht auch), die uns erhebt, ist mir lieber als Unmassen niedriger Wahrheiten«.
    Wichtig sind hier die Wörter — 1) erhebt (nicht »schmeichelt«), 2) mir (nicht »uns«), 3) niedriger (nur solche, nicht alle).
    Was meinte damit Puschkin, ist ein interessantes, aber natürlich ganz anderes Thema.

  7. sehr bemerkenswerte beiträge. im grunde genommen, wichtige ergänzungen zum thema schein. die übersetzung des puschkin-zitates mit »eine illusion, die uns erhebt« kommt der proust’schen erfahrung des scheins des schönen als schein des absoluten schon sehr nahe, ein schein, der den menschen in bewegung setzt, der ihn anzieht, der verheißungsvoll ist. und der prozeß des reflektierens dieser bewegung des subjekts zwischen schein und desillusionierung macht die erfahrung und das leben aus.

    mein essay über die diskrepanz zwischen kunstwerk und künstler — am beispile von roth und williams — hatte ursprünglich den titel: der schein der vollendung.

    http://www.klaus-baum.info/essays-zur-literatur/schein-der-vollendung-ueber-einige-divergenzen-zwischen-kunst-und-leben-am-beispiel-von-joseph-roth-und-tennessee-williams/

  8. @Hannzi
    Der authentische Mensch stirbt lieber im Leben als das er im Tod lebt. Wunderschön !!!!

    Vielleicht noch eine Anmerkung. Das Schema des; »versteckten Ichs«, in Form des schauspielernden Menschen ist dem produzierten Schein sehr ähnlich. Und zieht sich bereits schon seit Jahrzehnten durch eine ganze Film- und Literaturgeschichte. Der harte Kerl, — mit dem weichen Herzen, der nur in romantischen Kurzszenen durch blitzt, — oder die versteckte Blume in der resoluten abgehärteten Frau, bzw. die Frau, die erst durch ihre Geheimnisse interessant wird, (i.d.R. geboren als Selbstschutz in der Härte des Lebens, welches Härte verlangt), — ist geradezu Klischee geworden. Und findet man sogar bei den alten Romantikern. (Keats, — die versteckte Unschuld der Fanny Brawne im Prinzip der Schönheit).

    Was ich damit sagen will ist, dass die Benutzung eines sowieso schon verinnerlichten Klischees wie geschaffen dafür ist, daraus Werbe-Rekursionen als Botschaft zu machen. Die Werbepsychologen, arbeiten durchaus damit.

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