Der freiwillige Flattr‐Profit

»Erst wenn alles Geld der Erde über Flattr geht, dann sind wir glücklich«

- Peter Sunde, Mitgründer des flattr‐Bezahlsystems aus der TAZ vom 1. Mai 2011

Anmerkung: Alle euphorischen Flattr‐Unterstützer sollten sich diesen Satz, und das Denken dahinter, mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Flattr‐Aktiengesellschaft ist ein profitgeiles Unternehmen, das sich einen Dreck um gesellschaftskritische Artikel schert. Besonders linke politik‐, wirtschafts‐ und sozialkritische Blogs sollten sich vergegenwärtigen: wer flattr bei sich einbaut, unterstützt ein Aktienunternehmen. Besonders bei Beiträgen und Autoren, die rücksichtslose geldgeile Unternehmen kritisieren und im gleichen Atemzug geflattert werden möchten, ergibt sich für mich ein arges Glaubwürdigkeitsproblem. Bei jedem Geld herumschieben kassiert vor allem das Unternehmen in Schweden. Und mit einer Gebühr von 10% ist flattr sogar gieriger als Paypal mit ca. 2–4% Nutzungsgebühr. Der ZG‐Blog sieht sich bei seiner Flattr‐Kritik bestätigt und wird nach wie vor einen großen Bogen um das Bezahlsystem machen. Geld adelt nicht.

14 Gedanken zu “Der freiwillige Flattr‐Profit

  1. Interessante Diskussion. Da ich selbst nicht blogge, stand ich bisher dem Thema nicht sonderlich nahe. Nachdem ich nun die Artikel gelesen habe, die sich so kreuz und quer verlinkt hatten, muss ich sagen das mir die Skepsis der Schreiber kritischer Beiträge einleuchtet. Das das Flattr System auch selbst zu einem kommerziellen Konzept gemacht wurde, obwohl eine soziale Installation genauso möglich gewesen wäre, ohne mit Bereicherungsinteressen dem Konzept die Glaubwürdigkeit eines »sozialen Fortschritts 2.0« zu rauben, wird sehr deutlich.

    Kommerzialisierung ist aber trotzdem auch gängiges Potential zur Realisierung von Ideen, somit kann ich nicht gänzlich das Konzept ablehnen. Denn Ideen zu verwirklichen ist sowieso schwer genug in der heutigen Zeit, besonders wenn sie in einem globalen Spielfeld realisiert sein sollen. Da wird mit Sachverstand und Pragmatismus oft im Kompromißfeld der Möglichkeiten gearbeitet, ganz gleich ob man dann in die Zwickmühle künftiger Profitinteressen und Projektinteressen gequetscht wird. Es bleibt für Unternehmer eben ein Spagat zwischen den Möglichkeiten modernem Kapitalbetriebes und der totalen Vermarktung, des totalen Ausverkaufs einer Idee zum reinen Profitsystem.

    Viel mehr zeigt doch diese Flattr‐Frage auf, daß wir quasi alle irgendwie »gierig« sind und hier zugreifen wollten, wenn wir könnten. Somit hat wohl kaum einer das Recht, anderen für eine Dienstleistung den Verdienst in Abrede zu stellen. Niemand kann mir erzählen, das er nicht bereit ist mit bestehenden legalen und weitestgehend moralisch einwandfreien Methoden die Möglichkeit völlig auszuschließen viel Geld zu verdienen. Zum Beispiel ein Buch zu schreiben oder als Journalist einen besonderen Artikel zu verkaufen für richtig ordentliches Geld an eine große Zeitung, oder auch nur ein besonderes wichtiges exklusives Bild eines Fotografen, oder ein Gemälde, eine Zeichnung, ein Kunstobjekt ein Musikstück, etwas das wir vielleicht als Kulturbeitrag geschaffen haben, oder unsere Dienstleistung als Jurist, Arzt, Klempner, Wissenschaftler, Denker etc. was auch immer, wir wären über jede Bezahlung unserer »ehrlichen, tatkräftigen« Arbeit erst Recht dankbar, wenn sich diese Bezahlung in Millionenhöhe abspielen tät. Es ist letzten Endes das gute Recht der Flattr Macher ihre Arbeit entsprechend bezahlt zu wissen und wenn wir diesen nicht gönnen können und sie deshalb kritisieren weil sie im Zeitgeiststrom heutiger Kommerzialisierungsmethodik ihren Weg gewählt haben, dann gönnen wir nicht weil wir neidisch sind.

    Eine gänzlich andere Frage stellt sich in der Verwendung der gebotenen Möglichkeiten. Hier wäre natürlich Nachbesserungsbedarf beim Datenschutz gefordert und die Frage bleibt im Raum, wieso Flattr unbedingt auch noch auf dieses Pferd setzt. Kritische Nachfrage und möglicherweise ein Scheitern eines solchen Angebotes wegen unethischer Verwendung von personalisierten Daten sind jedenfalls ein ganz anderes Kaliber als das reine Nicht‐Gönnen wollen oder die Ablehnung des kapitalen Verwertungsalltags von mehr oder weniger guten mehr oder weniger sozialen Ideen mit selbst angepriesenen Fortschrittsansprüchen für die Internetinfrastruktur.

    Genauso aber muss sich wiederum jeder Einzelne hier den Vorwurf gefallen lassen die Möglichkeiten zu mißbrauchen, wenn jeder Artikel in die Vermarktung geworfen wird, jeder noch so billige Artikel zum Micropaymentprodukt erhoben werden soll, stellt sich die Frage ob hier nicht der Nutzer des Angebotes am Ende genau dasselbe macht, wie die Produzenten des Angebotes, die sich ein mögliches künftiges oder bereits aktuelles Millionengeschäft im Hintergrund durch Datenkrakerei nicht entgehen lassen wollen.

    Schuldzuweisungen oder paranoide Kapitalismuskritik halte ich für völlig unangebracht. Jeder von uns trägt hier ja seinen Teil dazu bei, wenn solche Systeme möglich sind. Notfalls ist es unsere Bequemlichkeit, die ein Hauptantrieb für Technisierung vieler Lebensbereiche ist, auf die sich Profitorientierung aufbauen läßt.

    Mitmachen oder nicht ist nicht die alleinige Frage, die dieses Flattr‐System aufwirft. Wir sollten unsere gesammte Haltung zu diesen Geschäftsmodellen überdenken, zum Kapitalen Verwertungsbetrieb überhaupt. Jeder Einzelne seine eigenen Motive hinterfragen und sein eigenes Handeln bestimmen. Das setzt in erster Linie Ehrlichkeit vorraus und in zweiter Linie Verantwortungsbewußtsein.

    MFG

    PS: Ich hatte fälschlicherweise zuerst beim älteren Beitrag gepostet, eigentlich wollte ich hier beim aktuellen Artikel posten. Ihr könnt ja dort, wo der Beitrag euch überflüssiger scheint, ihn löschen. Sorry.

  2. Letztendlich steckt dahinter nur die Perfidie der eigenen Eitelkeiten und bequemen Lebenswünsche. Durchs bloggen Geld verdienen, — auch ein neues Marktkonzept. Tausend Möglichkeiten, seine Seele zu verkaufen. Dies ist nur eine von vielen davon. Schade, — so geht auch dieses wunderbare Experiment, — im Markt unter. Und irgendjemand, — hat sogar mal bezweifelt, — dass der Markt nicht bereits das Internet beherrscht. Von der Werbung, die bei den, — ach so Ehrlichen mittlerweile überall rumhängt, — will ich erst gar nicht reden. Das ist einfach nur frustrierend, ...... und unglaubhaft.

  3. Wir sind in der Gesellschaft eine Schicksalsgemeinschaft.

    Man muss nicht alles mitmachen, man kann aber auch nicht auf Dauer als Eremit alle Beteiligung am System verneinen. Wir sind immer Teil davon, auch wenn man sich aus moralischen Gründen entschieden hat einiges nicht mitzutragen. Das ist dann auch völlig legitim, die eigene Entscheidung für die eigene Reichweite des eigenen Verhaltens so zu treffen.
    Wenn man diese Entscheidung jedoch auf andere projiziert und verlangt das das alle so machen müssen wie man es selbst für richtig hält, ist es fraglich ob man noch den eigenen Idealen treu ist, oder nicht gerade einen Fauxpas landet und durch moralisierende Rechthaberei versucht Zwang auf andere auszüben.

    Man kann nämlich auch Flattern oder Werben ohne gleich seine Seele mitzuverkaufen. Solange Werbung nicht besonders aufdringlich ist und zum Thema passt oder ganz allgemein wertneutrale Güter anpreist, sähe ich jedenfalls keinen Grund wieso ein Hobbyblogger sich dadurch nicht das Geld für den Serverspace zurückholen sollte und vielleicht ein paar Fünfzig hinzu verdienen sollte.

    Es geht hier aber um die Ehrlichkeit der Blogger selbst, ihre Werbeabteilung vom Content strikt zu trennen, oder die Verbindung offen zu kommunizieren.

    Ich kann mir niemanden vorstellen, der etwas dagegen hat, wenn ein regelmäßíger Contentproduzent mit damit verbundener Werbung möglicherweise sogar richtig Geld verdient und nicht mehr woanders arbeiten muss. Das ist doch ein Traum! Das Hobby zum Beruf machen mit Werbeeinnahmen. Was ist dagegen zu sagen? Verstehe ich nicht.

    Und ganz im Ernst: Wer sich für 50 — 150 Euro Bannereinnahmen im Monat korrumpieren läßt, war nie wirklich ein kritischer Mensch, oder? ;)

    Problematischer sind in meinen Augen die Hochglanzschreiber, die ggf. schon mit Kapitaldeckung anfangen und gleich von Beginn an ohne es zu kenntlich zu machen sich als Trendsetter versuchen oder gleich noch die Agenturen, die »Internetservices« wie Blogs, Bewertungen, Kommentare, Meinungsmache, Forumsaktivitäten, Viralmarketing usw. zu Produkten unter fingierten Charakteren bzw. Persönlichkeiten kommerziell anbieten.
    Wenn die Volldeklaration der Inhaltsstoffe fehlt, dann wird es erst zum Problem, meiner Meinung nach.

    Mir stieß im www z.B. eine Firma auf, die ein Forum betreibt, in dem psychisch Labile Menschen angelockt werden und denen dann bestimmte Dienstleistungen aufs Auge gedrückt wurden. Man konnte dort buchen. Es war so, das dort auf den ersten Blick keine schädlichen Dinge empfohlen wurden und teilweise ggf. auch gute Tips im Umlauf waren, aber die meisten Poster waren warscheinlich nicht wie es den Anschein haben sollte, privat dort unterwegs sondern beruflich.
    Bei ganz offensichtlichen Fällen, die einen Therapeuten brauchten wurden bescheuerte ökologische Konzepte empfohlen, Amalgamausleitung, Entgiftungskuren, Massagen und anderes.

    Meine Nachfragen führten dazu, das ich aufs übelste niedergemacht wurde, gesperrt und allzu kritische Punkte wurden schlicht gelöscht.

    Diese Form der Geschäftemacherei sollte uns Sorgen bereiten im Netz. Das macht die Netzkultur irreparabel kaputt. Aber gleich mit der Tür ins Haus fallen, weil einige Hobbyschreiber mit zumeist betont subjektiver Qualitäten auch ein bischen Werben könnten oder ein hinterfragenswürdiges Bezahlsystem frequentieren?

    MFG

  4. »Erst wenn alles Geld der Erde über Flattr geht, dann sind wir glücklich«

    Schulligulligulli, ist es im bereich des erwägbaren das der/die/das verursacht hat unter, äusserst dubios betrachteten, um‐ zuständen dies Ironisch meinte?

  5. »Wer weichspült, unterstützt es.«

    Ironie On -
    Genau. Schnapp dir ne Waffe und klär das mit dem ganzen Kapitalistenpack sofort! Keine Gnade! Keine Kompromisse! Kein Leben mehr nur Krieg gegen die Kapitalistenschweine! Wer nicht Mitkämpft ist der Feind! Grauzonengängerei ist Verrat!
    — Ironie Off

    Gähn :NENE:

    MFG

    PS @ Blogadmin

    Satire oder unerlaubter Seitenhieb?

  6. @Hannzi Doppelgähn. @blogadmin Weder Satire, noch unerlaubter Seitenhieb.

    Polarisierer, — gegen Grauzonengänger.
    Mit der gleichen Berechtigung.

    Die Reaktion, des sich angesprochen fühlenden. (Dabei noch nicht mal getan :) . Und klar, — Grade Statements, sind natürlich immer direkt von militanten Kommunisten die gegen Kapitalistenschweine kämpfen, .... and so on....Der Grauzonengänger, wird plötzlich selber zum pauschalen Polarisierer. Witzig das. (Die letzten Jahre, hat die Realsatire, leider die Satire überholt. Also, als Ironie ein wenig arg flach.).

    Guido, ick hör dir trapsen. Aber es hilft trotzdem nichts. Je weiter es um sich greift, — je vorsichtiger man es aus der Mitte heraus behandelt, desto mehr, wird es auch dort enden. Und eigentlich wissen das alle.

  7. Ich hätte es ignorieren können als unqualifizierten Comment. Das ist mir aber nicht gelungen, ich gab da lieber eine Senfsalve zu ab.

    Der springende Punkt ist, das JEDER, der sich zu einer bemüht realistischen unfassenden Lageanalyse aufrafft durch ein solches Comment »Wer weichspült, unterstützt es« geradezu direkt beleidigt wird, da sein Bemühen ad absurdum geführt wird.

    Jede ernsthafte Auseinandersetzung wird mit so einer Aussage torpediert. Im Grunde könnten Sie auch schreiben: Jeder hier, der nicht aus Prinzip dagegen ist, schreibt/denkt scheiße.

    Insofern: Wenn es Ihnen Ernst ist mit dieser Aussage, sollten Sie sich fragen, wieso Sie so einen feindbildzentrierten Umgang mit der Realität pflegen.

    MFG

  8. Letztlich wird es nur eine Lösung geben: Das heutige System weiternutzen. Intensiver als bisher. ;)

  9. @Hannzi
    Was ist daran feindbildzentriert?
    Ein einfaches Statement, beinhaltet keine Feindschaften gegen Menschen, — sondern eine Überzeugung. Nicht jeder, macht so viele Worte wie du.

  10. @Hannzi
    Ach, hätte ich fast vergessen. Ich verbeuge mich natürlich vor deiner gottgleichen subjektiven Entscheidungsfähigkeit, was qualifiziert ist und nicht, was eine Lageanalyse ist, die schon seit zwei Jahrzehnten steht, und so weiter und so fort. An anderen Stellen habe ich nachgelesen, dass du auch weißt was richtiges Schreiben ist, und eine Menge mehr. Also, ... sei dir meiner Huldigung gewiss. :ANBETEN:

  11. Was Sie lesen und was ich meine, das sind zwei verschiedene Dinge. Das hatten wir ja schon mal versucht zu klären. Völlig normaler Zustand, das man nicht so einfach aus einer Textinformation die Information herausliest, die der Autor hineingetan haben wollte. Das entsteht daraus, das wir mit Projektionen auf die Worte reagieren, die bei uns eine etwas anders gewichtete Bedeutung haben. Um genau diesen Effekt zu umgehen, gibt es Fachsprachen und eine Art »genormten« Sprachverkehr in der Wissenschaft.
    In solchen Kommentarauseinandersetzungen sind wir beide wohl prädestiniert für solche Irrtümer.

    Und nun sollten wir dem Adminteam wieder Verschnaufpause gönnen.

    Schönes Wochenende allen :EUPHORIE: :BIER:

  12. @Hannzi
    Erzähl mir nix über Projektionen, Fachsprachen und genormten Sprachverkehr in der Wissenschaft. Und schon mal gar nicht in Bezug auf Internet und Computertechnologie. Du redest von meinem Job. Und von 30 Jahren Erfahrung sowohl in Entwicklung wie auch Public‐Relation. Ich bin diesbezüglich überhaupt nicht prädestiniert für Irrtümer. Tatsächlich kann ich gar nicht sagen, wie traurig die Geschichte wirklich ist. Und ich laber auch kein Blech in der Richtung. Wenn ich hier warne, hat das durchaus seinen Grund. Also, — nix für ungut. Und schönes Wochenende auch.

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