Das deutsche Geldglück

Den Deutschen würde es materiell gut gehen, sie jammern, nörgeln und meckern aber dennoch auf sehr hohem Niveau, sagt SpiegelOnline:

Obwohl wir in Kategorien wie Beschäftigungsquote, Sicherheit, Ausstattung von Wohnräumen mit zeitgemäßer Infrastruktur, Einkommen, Qualität von Umwelt und Versorgungsgütern recht weit oben rangieren [...] nörgeln wir, wenn man uns nach »Lebenszufriedenheit« und nach unserem körperlichen Wohlbefinden fragt.

Über 10 Millionen  Deutsche beziehen Hartz IV, ergänzendes Hartz IV, Sozialgeld oder Grundsicherung im Alter. Die Anzahl der Menschen, die trotz Vollzeitarbeit um die Armutsgrenze herum verdienen, steigt. Arbeitnehmer klagen immer mehr über Überstunden und Mobbing am Arbeitsplatz. Schlaf‐ und Schmerztabletten sind der Renner bei Apotheken. Die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland steigt. Altersarmut wird bald ein Massenphänomen sein. Zudem gibt es große Vereinsamungstendenzen in den Großstädten, Sorgerechts‐ und Unterhaltskriege, kaputte Beziehungen und Ehen usw. So gut wie behauptet, geht es der Masse der Bevölkerung in Deutschland dann auch wieder nicht.

Geld und Eigentum mögen vielleicht Unglück und Armut abwenden, sorgen aber eben nicht zwangsläufig für das Zustandekommen der eigenen Zufriedenheit. Die in Deutschland immer noch religiös angebetete Formel: Lohnarbeit=Geld=Glück ist eben nichts weiter als großer Selbstbetrug, eine Massen‐Illusion. Wer einmal über 80jährige Menschen fragt, was sie in ihrem Leben glücklich gemacht hat bzw. woran sie sich gern zurückerinnern, dann ist es selten die Lohnarbeit. Familie, Hobbys, Leidenschaften, Reisen, besondere Erlebnisse und Erfahrungen, Liebesmomente, Freunde usw. tragen zur persönlichen Zufriedenheit und zum eigenen Glück bei.

Die einseitig fixierte Perspektive auf materiellen Wohlstand, auf Lohnarbeit,Vermögen und Geld lässt viele Menschen in Deutschland alles andere eben vernachlässigen. Es ist kein Zufall, dass laut einer IW‐Studie Teilzeitangestellte zufriedener sind, als Vollzeitangestellte:

Bemerkenswert ist zudem, dass Angestellte mit einem Teilzeitjob zufriedener sind als Angestellte mit einer Vollzeit‐Stelle.

Teilzeitangestellte haben eben mehr Zeit für wichtige Dinge im Leben. Für Dinge, die einen glücklich und zufrieden machen. Sie können mit ihren Liebsten öfters ausgehen, können mehrmals wöchentlich einem Hobby nachgehen, sehen ihre Familie womöglich öfters usw. Erst wenn sich die Ansicht verbreitet, dass Lohnarbeit zwar notwendig ist, aber nicht der Garant für das eigene Glück und die eigene Zufriedenheit ist, werden die Deutschen auch glücklicher und zufriedener sein. Davon sind wir aber leider noch weit entfernt, denn die Götze Ökonomie lässt keine alternativen Sichtweisen zu.

5 Gedanken zu “Das deutsche Geldglück

  1. Ich habe mich am wohlsten gefühlt, als ich maximal 20 Stunden in der Woche für andere gearbeitet habe. Dabei konnte ich die beste Leistung erbringen, die Arbeit hat mir einen Riesenspaß gemacht und ich habe bombenmäßig verdient.

    Heute arbeite ich für mich selbst, teile mir meinen Tag so ein wie es mir und meiner Frau gefällt, verdiene nicht mehr so gut und fühle mich rundum pudelwohl. Ich liebe meine Arbeit und fühle mich bestraft, wenn ich sie nicht tun kann. Urlaub z.B. ist für mich in der jetzigen Situation eine Strafe! Wirklich effektiv arbeite ich auch heute immer noch ca. 4 Stunden am Tag.

    Es gibt eine Zeitstudie von Kellogs (vor dem II. Weltkrieg), die besagt, daß Mitarbeiter, die etwa 6 Stunden am Tag arbeiten, mehr Leistung bringen, weniger Unfälle haben und alles in allem zufriedener sind, als Menschen, die 8 Stunden und mehr arbeiten. Ich kann diese Studie im Grunde nur bestätigen, wenn ich mehr als 4 Stunden intensiv arbeite (z.B. programmiere), dann steigt die Fehlerkurve nach 4 Stunden dramatisch an. Wenn ich Nachtarbeit gemacht habe (24 oder mehr Stunden am Stück), konnte ich meine Arbeit genauso gut in den Müll werfen. Ich muß sie sowieso noch einmal machen. Allerdings sind solche Gewaltaktionen manchmal notwendig, um Arbeitsleistung zu demonstrieren (Abnahmezwänge o.ä.).

    Auch Kent Beck stellt in seinem XP (extreme Programming) fest, daß die meisten Menschen kaum in der Lage sind, mehr als 8 Stunden produktiv zu arbeiten. Ich persönlich lege die Latte eher auf 4 Stunden.

    Wir könnten viel für die Gesundheit der Arbeitnehmer tun, wenn wir unsere Regelarbeitszeit statt nach oben nach unten verschieben würden. Gleichzeitig würden wir mehr Menschen in Arbeit bringen. Und, da die Menschen mehr leisten, sollten sie auch so bezahlt werden, als würden sie 8 Stunden arbeiten. Überstunden sollten wirklich die absolute Ausnahme sein!

  2. Ja, man könnte zufriedener sein, wenn man Teilzeit arbeitet. Da benötigt man aber noch jemanden in der Hinterhand, der die täglichen Brötchen verdient. Einen gewissen Grundstock an Geld benötigt man schon in dieser Gesellschaft, um überhaupt in die Nähe von anderem, glücklich machenden, zu kommen. Fast kein Hobby ohne Geld, fast kein Freizeitvergnügen, seien es Konzerte oder was sonst, ist ohne Geld zu haben. Wichtig wäre, dass Arbeit neu definiert wird, dass der technologische Fortschritt auf alle verteilt wird. Ich habe jemanden mal sagen gehört, dass er einem positivem Arbeitsethos frönen würde. Das bedeutete für ihn oft 10 Stunden Arbeit am Tag. Dort sollte man ansetzen, an dem Gedanken des positivem Arbeitsethos. Der sollte umgedreht werden, so dass man es als positiv ansieht, in weniger Zeit, weniger zu schaffen, dafür entspannter zu sein UND — ganz wichtig — keine Geldeinbuße zu haben. Wir werden nur für ein anderes positives Arbeitsethos Verständnis erringen, wenn die Menschen dadurch nicht in Armut gestoßen werden, sondern am Leben mit allem Pipapo teilhaben können, ohne den Cent zehnmal umdrehen zu müssen. Wenn Menschen dann nicht als Bittsteller an die Tür des Staates klopfen müssen. Nichts ist schlimmer, als zu einer Person werden zu müssen, die untertänigst für den Lebensunterhalt danken zu müssen. Deshalb sind auch sehr viele Menschen unzufrieden mit dem jetzigen Leben.

  3. »OECD‐Zufriedenheitsindex«
    Muss man dazu mehr sagen?
    Wenn ich den Finger oder andere unanständige Dinge in die Dame stecke, kann ich sicher sein, dass dies Auswirkungen auf eine Statistik hat, welche einen Index bildet.

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