Sex oder Nicht‐Sex?

Der Sex stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, dass vom Geld völlig unabhängig ist, und es funktioniert auf ebenso erbarmungslose Weise. [...] In einem liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben, andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.

- Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone, Seite 108

Anmerkung: Auch wenn ich Houellebecq´s Werke durchaus kontrovers finde, so erweitert er sinnvoller Weise Erich Fromm´s »Persönlichkeitsmarkt« um einen »Sexualmarkt«. Liebe und Sexualität haben heutzutage kaum noch etwas mit der von Hollywood verklärten Romantik zu tun. Es ist häufig wie in der Marktwirtschaft: Gier, Habendenken sowie Statusbewusstsein, Neid, Konkurrenz und Wettbewerb.

5 Gedanken zu “Sex oder Nicht‐Sex?

  1. Sexualität in der heutigen »aufgeklärten« Zeit ist sowieso ein Thema für sich. Ich halte die heutige Zeit für sehr prüde. Zwar kann man an jeder Ecke nackte Menschen sehen, auf jeder zweiten Internetseite Sexvideos konsumieren, aber über die persönlichen Gegebenheiten wird wenig geredet. Es wird dann gerne abstrahiert und /oder geschwiegen.

    »Es ist häufig wie in der Marktwirtschaft: Gier, Habendenken sowie Statusbewusstsein, Neid, Konkurrenz und Wettbewerb.«

    Die Parallelen zur Marktwirtschaft sind da. In meinen Augen waren diese Gegebenheiten schon immer vorhanden. Troja wurde wegen einer Frau angegriffen. Was allerdings neu ist, ist die Länge der Beziehungen. Ich würde behaupten (nicht belegen), dass die Beziehungszeiten deutlich kürzer geworden sind. Durch die Statusforderungen (an die Frau: schlank, sportlich, gut im Bett, perfekte Mutter, am besten noch erfolgreich arbeiten), (an den Mann: schlank, sportlich, gut im Bett, perfekter Vater, erfolgreich arbeiten, aufregend und geheimnissvoll, aber gleichzeitig gefühlvoll und nett) wird man, durch die Unmöglichkeit dies zu bekommen, immer wieder auf die Suche gehen. Wir leben in einer Konsumgesellschaft und wollen immer wieder etwas neues und besseres. Das eine Beziehung auf Kompromissen beruht und immer jemand zurückstecken muss wird gerne verdrängt. Gerade wo das Angebot groß ist (Großstädte) gibt es die höchste Singledichte. Der Rest wie Gier, Statusdenken, etc. ist so alt wie die Menschheit selbst. Steht nicht in den 10 Geboten »Begehre nicht deines nächsten Weib«?

  2. @chriwi

    Stünde in den 10 Geboten »Begehre nicht deiner Nächsten Stecher« wäre die Bibel kaum so ein Dauerbrenner und es gäbe heute weniger Atheisten. Das sieht wie ein Widerspruch aus, ist aber keiner. Die biblische Aufforderung, irgendein Weib zu begehren, überfordert heute einige Männer vollkommen -ein solches Diktat des Begehrens, ist den Frauen bis zur »sexuellen Revolution« erspart geblieben. Säkularisierung kann man auch als Revolte gegen das Begehrenmüssen verstehen. Aber wegen des Verbotes, fremdes »Eigentum« zu begehren (exklusiv an Männer gerichtet) funktioniert überhaupt der Vorwurf gegen Frauen, sexuell weniger aktiv zu sein oder es eben doch sein zu müssen, um hipp und modern, geil, sprich: emanzipiert, rüber zu kommen (oder als Mann drüber kommen zu können). Wer seine sprudelnde Libido nicht glaubhaft nachweist, ist ein Loser (oder Feministin) — diese Mechanismen sind der »Satanismus« der Moderne, sprich: Die Umkehrung klerikaler Normen ins glatte Gegenteil.

    Was hat das gebracht? Eine neue Konkurrenzsituation, ein neuer Markt, sich zu vergreifen, einander zu schröpfen und einander zu quälen — dieses mal wegen des Sex. Tolle Wurst!

    Was können Männer und Frauen überhaupt noch miteinander leisten, wenn sie einander nicht ständig begehren müssen/wollen/sollen, miteinander konkurrieren oder einander ausgrenzen?

  3. @chriwi: Den Punkt mit der Beziehungslänge würde ich anderst deuten. Wieviel Großeltern o.ä. kennst du, die schonmal eine richtig schwere Krise durchgemacht haben, bei der heute jeder sagen würde, dass sie sich trennen sollten?
    Kurzlebige Beziehungen müssen ja nicht unbedingt negativ sein, sondern können auch Kummer ersparen. Früher war einfach das Problem in den Köpfen der Menschen, dass man sich nicht zu trennen hat, sondern gefälligst wegen seinem Eheversprechen zusammenzubleiben hat (auch wenn die Ehefrau geschlagen oder ähnlich schlimme Dinge angetan wurden...)

  4. @Isi
    Nun, ich gehe nicht davon aus, dass Männer und Frauen, Männer und Männer, Frauen und Frauen, etwas miteinander leisten müssen, wenn sie sich für eine Form von gemeinsamen Verbindungen entschließen.

  5. @ antiferengi

    Sie sollten zumindest ihr Überleben sichern und das auch, wenn sie sich außer Stande sehen, unter aktuellen Bedingungen einander auf die Pelle zu rücken. Derzeit sehe ich aber nur, wie Männer den Frauen das garantierte Recht auf selbstbestimmtes Leben streitig machen, weil sie dabei nicht genug Einfluß gewinnen. Gleichberechtigung hängt doch vorallem Männern teilweise recht deutlich zum Halse raus. Also sind wir von einem Miteinander (außer sporadischem Rumgehopse in fremden Betten) weit entfernt.

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