Neusprech: Modernisierungsverlierer

Der Begriff »Modernisierungsverlierer« bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die durch gesellschaftliche  oder ökonomische Veränderungen benachteiligt werden. Er setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, wobei der Erste positiv konnotiert ist (modern) und der Zweite eher negativ (Verlierer). Das Schlagwort, welches von Wilhelm Heitmeyer geprägt wurde, und er vor allem rechtsextreme Jugendliche damit meinte, beinhaltet für mich gleich mehrere Problematiken.

Zum Einen ist überhaupt nicht geklärt, was wirklich »modern« ist und ob die »Moderne« wirklich immer erstrebenswert sei? Neoliberales Gedankentum, ökonomische Verwurstung in allen gesellschaftlichen Bereichen sowie eine breitflächige Industrialisierung mit all ihren Folgen sind einige wenige Punkte, die als »modern« angesehen werden. Gleichzeitig benutzen vor allem Politiker und Ökonomen dieses Adjektiv, um ihre unsozialen Ansichten und Vorgehensweisen unter dem Deckmantel der »Moderne« zu verstecken. Oft ist »modern« aber auch einfach nur eine Plastikphrase, die inhaltlich wenig aussagt, aber einen positven Klang hinterlassen soll. Schließlich will niemand als unmodern, alt und überholt gelten.

Zum anderen deutet der Begriff »Verlierer« in diesem Kontext daraufhin, dass damit vor allem finanziell und sozial schlechter gestellte Menschen gemeint sind. Alle die sozusagen nicht vom Segen der Globalisierung reich geworden sind, sondern in Armut ihr Dasein fristen. Problematisch ist hierbei, dass selbst die politische Linke diesen Begriff ungefragt verwendet und damit die neoliberale Spaltungslogik unfreiwillig übernimmt: Verlierer ist, wer wenig Geld hat. Eigentlich sollten gerade linke Denker eher eine Einstellung haben, die so lauten könnte:

Wer bei allem immer Mensch bleibt, sich selbst treu, mit Liebe, Zärtlichkeit und Empathie durchs Leben geht, der kann gar kein Verlierer sein! Denn solch ein Mensch hat das Leben verstanden!

Ähnlich wie der Terminus des »Globalisierungsverlierers« assoziiert man mit dem Begriff auch eine Art Schicksalsschlag. So als gäbe es nun mal Gewinner und Verlierer und es könne eben nicht jeder auf der Gewinnerseite stehen. Die Verlierer sollten nicht murren, sondern ihr Schicksal akzeptieren. Verschleiert wird hierbei, dass es weder Zufall noch Schicksal ist, wer arm oder reich ist. Denn Politik bedeutet immer menschliches Handeln hinter dem ein gezielter Wille steht.

5 Gedanken zu “Neusprech: Modernisierungsverlierer

  1. Ich lese gerade ein spannendes Buch über die Ausplünderung der DDR nach 1990. Dort könnte man den Begriff ebenso anwenden. Für mich enthält der Begriff das Bild des Dinosauriers, welcher sich nicht an die neuen Gegebenheiten anpassen kann. Zumindest soll dieses Bild erzeugt werden. Das eine Gruppe systematisch dieses Sauriern das Fressen wegnimmt und gezielt jagt wird vernachlässigt und alles auf die Natur geschoben, metaphorisch gesprochen.

  2. Guter Beitrag!

    »Wer bei allem immer Mensch bleibt, sich selbst treu, mit Liebe, Zärtlichkeit und Empathie durchs Leben geht, der kann gar kein Verlierer sein! Denn solch ein Mensch hat das Leben verstanden!«

    Das spricht mir aus der Seele... Sehr schön formuliert! Danke! :)

  3. So wie fast alle Neusprech‐Beiträge in zeitgeistlos.de, finde ich auch diesen hervorragend recherchiert und in Worte festgehalten.

    Auch dieses Zitat müsste man sich täglich ins Bewußtsein rufen, immer wieder neu.

    Währendessen scheint der Irrwitz in diesem Land in immer höhere Sphären zu schießen. Will man der ARD glauben schenken, schreien 4,2 Millionen Erwerbstätige im weltweit größten Freizeitpark — genannt: Deutschland — nicht nach 40 ... 42 ... 45, nein, nach 50 ... 60 Wochenarbeitsstunden! Der Grund dafür ist: Sie fühlen sich einfach unterbeschäftigt! (Was sich aus meiner Sicht liest wie: Diese 4,2 Millionen Guten fühlen sich einfach unterfordert :) )

    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt332.html

    Hmm, es sieht so aus, als dass es noch sehr lustig wird in unserer Bananenrepublik.

  4. Problematisch ist hierbei, dass selbst die politische Linke diesen Begriff ungefragt verwendet und damit die neoliberale Spaltungslogik unfreiwillig übernimmt

    Traurig, aber wahr. Übrigens ein ähnlicher Vorschlag; »Real«-Politiker.

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