Neusprech: Agenda 2010

Die rotgrüne Regierung unter Schröder hatte im Jahre 2003 mit dem Schlagwort der »Agenda 2010« ein ganzes Bündel arbeitgeberfreundlicher Reformen in Form einer modernen politischen Vision angekündigt. Nun haben wir das Jahr 2010. Was von dieser vermeintlich großen Vision übriggeblieben ist, sind vor allem millionenfach verprellte SPD‐Wähler, eine zukünftig stark steigende Altersarmut, privatisierte Lebensrisiken, über 2,5 Millionen Kinder in Armut, ein Niedrig‐Lohnsektor, der mittlerweile fast ein Drittel aller Beschäftigungsverhältnisse ausmacht und vieles  mehr,  dass das Leben in Deutschland für Millionen Menschen erschwert hat. Der Begriff der »Agenda 2010« dürfte — ähnlich wie der Begriff der Reform — sehr negativ besetzt sein. Just in diesem Augenblick startet der Konzern Mediamarkt, Tochter der Metro AG, eine Spass‐ und Kaufaktion mit dem Namen: »Agenda 2010«.

Ich weiß nicht, ob dahinter clevere Marketing‐Strategen, wirtschaftspolitische Akteure oder einfach nur vermeintliche Spass‐Animateure stehen. Was wir jedoch erleben werden, ist nicht nur eine Wandlung der Begriffsbesetzung und der Konnotation, sondern vor allem auch eine Trivialisierung des schröderischen Agenda‐Inhalts. Ähnlich wie bei der TV‐Produktion von »Big Brother« wird der Begriff, der ursprünglich eine Warnung an den Rechtsstaat beinhaltete verramscht, der Unterhaltung unterworfen, verkonsumiert — ja, letztlich entwertet. Wer von den sog. Container‐Bewohnern oder auch den Zuschauern dieses TV‐Mülls hat George Orwells »1984« wirklich gelesen und weiß noch, wofür der Terminus »Big Brother« einmal stand?

Mediamarkt startet nun eine große Konsum‐Aktion mit dem Namen »Agenda 2010« und wirbt damit, dass jeder zehnte Einkauf umsonst sei. Das Schlagwort wird nun bald nicht mehr nur mit Schröder und seiner rotgrünen Sozialabbau‐Clique assoziiert werden, sondern auch mit einem vermeintlich »geilen« Konsumangebot. Dass sich die Bedeutung von Begriffen im Laufe der Zeit durch verschiedene politische oder mediale Aktionen ändern, ist nichts ungewöhnliches. Bedenklich finde ich dennoch, dass gerade die Begriffs‐Trivialisierungen von »Big Brother« und »Agenda 2010« zur Folge haben könnten, dass Orwells Überwachungsstaat und Schröders Sozialabbau damit zunehmend in Vergessenheit geraten.

6 Gedanken zu “Neusprech: Agenda 2010

  1. Die Werbung schafft es, alles zu verwursten und in Marktgeschrei zu verwandeln, denn was ihr wichtig ist, ist in dem ganzen Wust aus Information, Entertainment und PR noch wahrgenommen zu werden. »Anrüchige« oder anders besetzte »Markennamen« zu verwenden hat ja durchaus Charme, weil der Zuhörer kurz stockt, was die Aufmerksamkeit steigert und Change erhöht, dass man sich später erinnernt.
    Der Effekt könnte natürlich der von dir befürchtete sein und es könnte die originäre Bedeutung verloren gehen. Eine »Marke«, die für einige eher ein Kampfbegriff ist, bekommt plötzlich einen andere Bedeutung, der Begriff ein ein neues Image.
    Aber in gewisser Hinsicht gab es soetwas wohl schon immer.
    Ich erinnere mich an eine schöne Begebenheit mit Hans Rosenthal in seiner Sendung DALLI DALLI. In einem Zuschauerquiz wird die Zuschauerin gefragt, was sich hinter dem Kürzel AEG verbirgt und die Dame -nach eigenen Angaben Hausfrau und Mutter‐ lächelt siegesicher und antwortet mit fester Stimme »Aus Erfahrung Gut« (ein zu der Zeit gängiger Werbespruch der AEG). Ein ganz harmloses Beispiel, wie Werbung funktioniert.
    Beneton warb mal mit blutigen Textilien für ihre Pullover und setzte auf den Skandal, der dann auch promt kam und die Marke in aller Munde brachte. Soetwas könnte mit »Agenda 2010« auch passieren und wenn die Kampagne ein Erfolg wird und andauert ist der Begriff als Kampfbegriff und Synonym für eine der größten sozialpolitischen Katastrophen der Nachkriegsgeschichte wohl wertlos. PR ist ein widerliches Geschäft und eine gefräßiges Monster, das Sprache mißbraucht und die Wörter mit ihrem marktschreierischem Geifer besudelt.
    Genaugenommen macht die INSM ja auch nichts anderes, wenn man sich z.B. die Umdeutung des Begrifft der »sozialen Marktwirtschaft« z.B ansieht.

    Wahrscheinlich wird dann irgendjemand in ein paar Jahren auf die Frage des Quizmasters, was es mit der Agenda 2010 auf sich hat erklären, dass es sich dabei um eine Initiative von Schröder gehandelt habe, bei der es darum ging, alle Bürger flächendeckend mit günstiger Unterhaltungselektronik zu versorgen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Es gab, so erinnert man sich, ein paar -wahrscheinlich irgendwie konsumkritisch eingestellte Alt 68er, die -wie immer‐ dagegen waren, aber insgesamt war die Geschichte ein großer erfolg für Schröder, der dann später zu Gazprom wechselte ;)

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  4. Dem was @willi schreibt ist kaum noch was hinzuzufügen. Außer vielleicht noch, das die PR‐Leute um Schröder selbst ausgesprochen findige Leute waren, und mit den gleichen Mitteln gearbeitet haben. Ein Teil des Markenimages »Schröder« war der Hauch des ökonomisch realisierten 68igers, mit dem er sich »ganz gut verkauft hat«.
    Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern von einer jungen Studentin. Das die grenzenlose Durchdringung von Gesellschaft und Politik durch PR, gerade von jüngeren durchaus auch bewusst beobachtet wird, stimmt mich ein wenig fröhlicher.

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  6. das was Willi sagt, ist durchaus richtig. Ich würde allerdings meinen, dass da bewusst nachgeholfen wird, um die in der Bevölkerung negativ besetzten Begriffe, wieder ins »rechte Licht« zu rücken.
    Gehirnwäsche funktioniert bei uns wunderbar. Nicht zuletzt durch eine in hohem Grade unpolitische und unkritische Bevölkerung.
    Diese Eigenschaft der Deutschen wird, besonders durch unsere »unabhängigen Medien«, stark gefördert. Die Bildungspolitik unserer »Volksvertreter« tut ein übriges und unterstützt nur noch die selbsternannten ELITEN. Damit in der Bevölkerung blos kein eigenständiges Denken mehr aufkommt.
    Wenn man sich so anschaut, was uns tagtäglich so geboten wird, dann kann man nicht verstehen, warum die Masse nicht auf die Strasse geht und mit dem ganzen Schlammassel ein für allemal aufräumt.
    Stattdessen hören wir uns andächtig an, was uns von unseren Eliten und den dazugehörigen Volksvertretern noch alles zugemutet wird.
    Gleichzeitig lassen wir uns auch noch gegenseitig aufhetzen, damit jeder das für ihn »richtige« Feindbild bekommt. Man glaubt es kaum, aber auch das funktioniert. Brav geht jeder auf jeden los. Am liebsten auf die Ärmsten. Die können sich am wenigsten wehren und haben keine Lobby die sich für sie einsetzt.
    Wir haben uns auch einreden lassen, genau die zu wählen, denen wir die ganze Misere in der wir stecken verdanken. Auch das hat funktioniert. Und jetzt wundern wir uns, warum noch nicht alles wieder gut ist.
    Mittlerweile bin ich selber gespannt, was man uns noch alles zumuten wird. Ich befürchte es wird noch eine ganze Menge werden.

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