Jugendliche abrichten

Als ich vor kurzem zufällig im Berufsinformationszentrum (BIZ) einer Arbeitsagentur in Berlin landete, nahm ich mir aus Interesse ein paar kostenlose Berufsinformationsmagazine mit. Mit einer diffusen Ahnung, dass ich in diesen Heftchen sicher etwas finden werde, was mir sauer aufstoßen würde, steckte ich sie ein. Und ich wurde nicht enttäuscht. Diese als Berufsinformationsmagazine getarnten Heftchen, sind vor allem auf Jugendliche zugeschnitten. In ihnen soll den Jugendlichen beigebracht werden, sich marktkonform zu verhalten, sich den Arbeitgebern bedingungslos zu unterwerfen und jegliches Berufsversagen als »eigenverantwortlich« und selbstverschuldet anzuerkennen.

Zur Verdeutlichung hier einige Passagen aus dem Heft »12job.de«, Ausgabe Februar 2010:

Glaubt man den vielzitierten Klagen der Personalchefs, dann ist es eigentlich verwunderlich, dass es an den Schulen nicht wenigstens als Wahlfach Fächer zu belegen gibt, die da lauten: Kleine Benimmschule, Höflichkeitskunde, Respekterweisung, Ehrerbietung und Aufmerksamkeitstraining.

- Seite 24

Mich hätten jetzt wenigstens mal drei zitierte Personalchefs interessiert, die das so sehen. Was genau ist mit Respekterweisung und Ehrerbietung eigentlich gemeint? Bloß kein Engagement im Betriebsrat? Den Mund zu halten, wenn der Chef spricht und alles abnicken was er befiehlt? Interessant ist auch, dass die Textpassage keinen Autor hat.

Weiter heisst es:

Was Betriebe nicht wollen: Störer

Menschen stören den Betriebsablauf auf drei Arten:

1.) Sie behindern die Produktion, weil sie nicht effizient genug ans Werk gehen oder die nötige Leistungsfähigkeit nicht haben.
2.) Sie stören den Betriebsfrieden, weil sie nicht führbar und anpassungswillig sind.
3.) Sie schaden den Geschäften aufgrund ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Umgangsformen und werden so zum Risikofaktor beim Kundenkontakt.

- Seite 24

Mich würde es nicht wundern, wenn die ganze Zeitung von Arbeitgeber-Lobbyisten zusammengschustert wurde. Ganz im Gegenteil zielt das ganze Schmierblatt darauf ab, Jugendliche auf eine anständige ökonomische Verwurstung abzurichten und zu erziehen. Sie sollen zukünftigen Chefs nützen und schön auspressbar sein. Wen interessieren da die Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen?

5 Gedanken zu “Jugendliche abrichten

  1. Ja, das sind die üblichen Zitate, die man auch am Stammtisch des mittelschichtigen Mittelständlers zu hören bekommt. Unsere Expertenlandschaft im agendualen Gewerbe kommt aus diesem Metier, und unterstützt diesen Verbund hochgeistiger Frohnaturen, mit Weisheiten aus den fünfzigern und sechzigern.

  2. Das Ziel solcher Indoktrination ist es, dass die Menschen irgendwann eigenständig und eigenverantwortlich den eigenen Rücken peitschen können!

  3. Pingback: Sonntag News » Widerstand Berlin

  4. Ich habe dem sauberen Verlag heute folgende Antwort geschickt:

    Ihre Darstellung ist völlig einseitig und könnte aus dem Lehrbuch eines neoliberalen Arbeitgeberverbandes abgeschrieben sein. Tenor: Wenn Störungen auftreten, ist stets der Arbeitnehmer dafür verantwortlich. Kein Wort davon, dass es häufig die Unternehmensleitungen und deren Führungskräfte sind, die durch Mißmanagement, schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Sozialkompetenz solche Störungen verursachen.

    Sie erheben den Anspruch, jungen Menschen wertige Informationen und Hilfestellungen auf ihrem Weg ins Berufsleben zu vermitteln. Man darf von Ihnen erwarten, dass Sie dies mit der gebotenen Verantwortung als erwachsene, im Leben stehende Menschen tun. Dazu gehört ein Mindestmaß an journalistischer Fairneß.

    Mit einer derart tendenziösen Schreibe werden Sie diesem Anspruch nicht gerecht. Ihr Medium ist eine Arbeitgeberpostille, die darauf ausgerichtet ist, den Inserenten nach dem Mund zu reden. Das mag schön für Ihre Anzeigenerlöse sein, helfen tut es den jungen Menschen jedoch nur sehr bedingt.

  5. Man darf nicht dem irrtum verfallen, unser bildungssystem sei auf etwas anderes ausgerichtet als auf die zurichtung junger menschen für den arbeitsmarkt.

    In der schule bekommen nicht diejenigen gute noten, die intelligent und wissbegierig sind, sondern die schüler, die »funktionieren« und immer brav die aufgaben, die man ihnen stellt, erledigen. Es geht nicht um die vermittlung von bildung, damit aus kindern später einmal selbständig denkende menschen werden, sondern ausschließlich um eine vorsortierung für den arbeitsmarkt.

    Mich wundern die zitierten textpassagen nicht im geringsten. Jeder, der schon mal irgendwo in einer firma gearbeitet hat, könnte festgestellt haben, daß es selbst in betrieben mit flachen hierarchien alles andere als demokratisch zugeht. Nicht bei der verteilung der aufgaben und erst recht nicht bei der verteilung des gewinns, da nützt auch der schönste betriebsrat nichts.

    Vor 20 — 25 Jahren sah man es immerhin noch als »normal« an, daß azubis erst noch lernen müssen, wie sie sich im betrieb benehmen müssen, heute wird offenbar erwartet, daß sie als brave aktentaschenträger im betrieb anfangen.

    @ Titus
    Diese darstellung beschreibt genau das, was im arbeitsalltag läuft:

    Die chefs wollen keine mitarbeiter, die sich für ihre rechte einsetzen und damit den betriebsablauf stören. Die wollen mitarbeiter, die brav und angepaßt ihre arbeit erledigen, die den chef als »überlegene lebensform« akzeptieren und achten, sich selbstlos für den betrieb einsetzen — wer mal in dem dicken buch des »Führers« herumgeblättert hat, wird vielleicht festgestellt haben, daß dieser eine sehr ähnliche vorstellung von der arbeitsmoral des »deutschen arbeiters« hatte.

    Natürlich liegen störungen im betriebsablauf meist nicht an faulen mitarbeitern oder daran, daß ein azubi durch sein »äußeres erscheinungbild« oder unfreundliches auftreten die kunden vergrämen würde, sondern an fehlplanungen der geschäftsleitung. Dennoch ist mir nicht bekannt, daß in solchen fällen jemals die geschäftsleitung zur verantwortung gezogen, in die arbeitslosigkeit geschickt und durch fähigere personen ersetzt worden wäre. Die verantwortung dafür tragen immer die mitarbeiter, die ihre lebensgrundlage verlieren.

    Das liegt aber nicht daran, daß irgendwelche berufsschreiber aufschreiben, was arbeitgeber wünschen, sondern daran, daß sich die mehrheit von einer minderheit erpressen läßt.

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