»Endlich wieder stolz sein dürfen!«

»Der Begriff Stolz sollte in Deutschland erst dann wieder ganz vorsichtig zur Anwendung kommen, wenn es uns gelungen ist, den neuen Nazi‐Scheiß zu stoppen«

- Udo Lindenberg

Bald dürfen wir wieder öffentlich stolz auf Deutschland sein, ohne in den Verdacht zu geraten, wir hätten eine rechte Gesinnung. Überall rüsten sich die Deutschen schon mit Fähnchen, T‐Shirts und Trillerpfeifen. Am 11. Juni ist das erste WM‐Spiel und am 13. Juni spielt Deutschland gegen Australien. Hitlerdeutschland liegt doch über 60 Jahre zurück, also dürfen wir auch mal wieder stolz auf unser Land sein, oder? Laut einer Forsa‐Umfrage sind 84% der 14–18 Jährigen eh schon stolz darauf, deutsch zu sein.

Der Stolz besagt, dass man etwas in seinem Leben vollbracht oder geleistet hat. Eine Handlung, in die man besonders viel Energie und Kraft reingesteckt hat. Vielleicht sogar eine, die mit vielen Hindernissen und Herausforderungen verbunden war. Trotzdem hat man nie aufgegeben und unerbittlich sein Ziel verfolgt. Die Erreichung des Ziels war mit viel Glück und Zufriedenheit verbunden, da man eine Aufgabe in seinem Leben vollbracht bzw. zuende geführt hat. Der Schriftsteller ist stolz darauf, dass er sein Buch fertig geschrieben hat, der Leistungssportler ist stolz darauf, dass er eine Medaille gewonnen hat und der Diplom‐Ingenieur ist stolz darauf, dass er sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat. Wie kann man in diesem Sinne auf Deutschland stolz sein? Was hat man großes vollbracht, um Deutscher sein zu dürfen? Ist es nicht völliger Zufall, welche Nationalität man bei Geburt hat?

Mitfiebern, mitfeiern ist die eine Sache. So langsam kommt mir die Fussball‐WM aber vor, als wäre sie ein ideales  Hintertürchen für alle verkappten Deutschnationalisten. Nationalstolz grenzt all jene aus, die eben nicht dieser Nationalität angehören. Wo das alles hinführen kann, weiß jeder.  Sicher, man sollte den Teufel nicht gleich an die Wand malen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der deutschen Geschichte und dem Nationalstolz, statt im betrunkenen Zustand dummdreistes deutschtümeln zu zelebrieren, wären dennoch angebrachter, damit sich Geschichte nicht wiederholt.

6 Gedanken zu “»Endlich wieder stolz sein dürfen!«

  1. Stimmt völlig, übrigens, die ihr Fähnchen raushängen haben wohl vergessen, dass es — dank Maggy Merkel — noch einen Grund mehr gibt das neoliberale Deutschland zu verachten: Die Bananendemokratur zeigt sich wieder....

    Ein megawichtiger Tipp für Fähnchenschwenker:

    Es sollen auch reale Deutschlandfahnen umgehen — mit dicken Bananen in der Mitte aufgedruckt — Ich hab so eine, und die hänge ich sicher aus damit jeder sieht was ich von der

    Bananenrepublik Deutschland

    ...halte.

    Grüsse
    Bernie

  2. Tja, das letzte Mal hat die Bundesregierung das ganze Theater mit angeheizt, um dann hintenrum ein paar weniger angenehme Dinge durchzudrücken — z.B. die Mehrwertsteuererhöhung.
    Und wenn man sich die Geisteshaltung der CDU und ihres JU‐Nachwuchses so ansieht (sucht mal nach JU Göppingen), dann kommt einem doch ganz schnell der Gedanke, daß diese Fußball‐WM (und größere Sportveranstaltungen generell) keine Hintertür für Deutschnationalisten ist, sondern ein verdammtes Haupttor!

  3. »Ist es nicht völliger Zufall, welche Nationalität man bei Geburt hat?«

    Genau so isses! Ich habe nichts dafür getan. Stolz auf Deutschland ist irgendwie sowas von spießig oder man ist der deutschen Sprache nicht mächtig und kennt die inhaltliche Bedeutung von Wörtern nicht. Danke, ich hoffe, deinen Artikel lesen auch die, die auf das Stolz sind, was sie eh nicht ändern können.

  4. Hmm. @PeWi Stimme voll zu.
    Hatte heute ein tolles Gespräch mit einem Kollegen dessen Geburtsort irgendwo in Kasachstan liegt, aber seit 20 Jahren in D lebt, und merkwürdigerweise immer noch zusammenzuckt, wenn das Wort »Russe« fällt. Was der Grund für das Gespräch war. Hier bei uns ist das eine traurige und doch erheiternde Sache. Die Deutschen schimpfen über die Türken und die Russen, die Türken über die Russen, die Russen über die Türken, und beide über die Deutschen. Welches Ei hier zuerst die Henne vergewaltigt hat, oder andersherum, ist nicht mehr auszumachen. Aber dieser Kasache war mit mir einer Meinung dass Vielfalt eine tolle Sache ist. Hab zwar immer noch einen dicken Kopf ob seiner Trinkfreudigkeit, aber das war es wert ;)

  5. Mich gruselt es schon seit Wochen wieder, je näher die WM rückt. Schon die letzte EM hätte mir beinahe den Rest gegeben und ich ging nur ungern außer Haus und ich befürchte, daß dieses ganze Fahnenschwenk‐ und Nationaljubelbrimborium diesmal noch schlimmer ausfallen könnte. Mein Billigbier kommt jedenfalls schon wieder in schwarz-rot-goldenen(gelben) Dosen daher und da macht selbst das Trinken keinen Spaß mehr ...

    P.s.: Mit derlei Ansichten mache ich mir zwar nicht gerade Freunde unter den »Fußballfans«, aber damit muß ich leben ;)

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