Täuschungsträger

»Nicht unsere wirklichen Leistungsträger werden angeblich am besten bezahlt, sondern diejenigen, welche am besten bezahlt werden, sind angeblich unsere Leistungsträger.«

- Peter Finke, die süße Täuschung der Oberflächlichkeit, Blätter-Ausgabe 1/2010, Seite 40

Anmerkung: Da haben wir es wieder: Geld adelt. Völlig egal, welche Tätigkeit zu welchem Zweck, zu wessen Nutzen und zu wessen Schaden ausgeübt wird: Wer viel Profit macht oder groß geerbt hat, ist Leistungsträger. Nach dieser Logik müssten ja Kriminelle, die viel auf der Tasche haben, viel Schotter gemacht haben, auch Leistungsträger sein, oder? Ist es vielleicht sogar so, dass viele dieser vermeintlichen Leistungsträger sogar selbst Verbrecher sind?

11 Gedanken zu “Täuschungsträger

  1. Babylon, ein internet — Übersetzungslexikon gibt über Leistungsträger folgende Auskünfte:
    ‑No results for »Leistungsträger« were found in English
    — Il n’a été trouvé aucun résultat pour »Leistungsträger« dans la Français
    — Nessun risultato per »Leistungsträger« è stato trovato in Italiano
    — Er zijn geen resultaten gevonden voor de »Leistungsträger« in de Nederlands
    ....usw.
    Das hab ich mit doch gleich gedacht, dass das schon wieder so eine aus dem Blauen herausgegriffene Fiktion der deutschen Sprachseele ist.Ähnlich wie beim “Geschmacksträger“ ist damit eine Art Vorwand gemeint. Hier für die Abgrenzung gegen Leute, die auch Geld brauchen, denen man aber lieber nicht so viel davon abgeben möchte. Die muss man sich vermutlich als eine Art „Beleistete“ vorstellen.

  2. mir fällt dazu ein: auf irgendeinem empfang der hamburger bürgerschaft traten auch die oberluden der reeperbahn auf. leistungsträger eben. und brisant oder so verkündeten dieses dann auch gez gebührenpflichtig.

  3. Damit wären wir wieder beim hässlichen Begriff der Deutungshoheit.
    Leistungsträger,
    Täuschungsträger,
    Wahrheitsträger?
    Also ich übergebe epikur ab sofort die Deutungshoheit. Täuschungsträger ist ein guter Kompromiss, der meinem Empfinden nach ne Menge mit Wahrheit zu tun hat. Also warum nicht? Mit Vertrauen wählt man Könige, lebt mit ihnen, oder geht mit ihnen unter (Das ist kein Scherz Leute ;-)

  4. Also bei der Wahl des Königs komme ich ins Grübeln.
    Da streiten sich auf der Grundlage des moralischen Denkens zwei über die Idelogie des Leistungsträgers.
    Während der erste (Peter Finke) wenigstens noch den ideologischen Fehlschluss von der Länge des Geldbeutels auf die Gerechtfertigtheit der ihnen entgegengebrachten Hochschätzung kritisiert, trennt sich der zweite (epikur) von der harten Grundlage, auf der Ideologien entstehen, wenn er den einen oder anderen glücklicheren Idioten sogar der rechtswidrigen Machenschaften verdächtigt: mafiose Verbrecher.
    Vollends daneben ist ihre Abqualifikation als »Täuschungsträger«. Zum Erheben des Täuschungsvorwurf muß er eine moralisch tatsächlich verwerfliche Absicht unterstellen, die so gar nicht existiert.
    Epikur täuscht sich über den nicht einbedachten Unterschied von Lüge und Ideologie, und macht so jedes Sprechen über die tatsächliche Grundlage der Leistungsentlohnung überflüssig.
    Der Erklärungsbedarf in der Sache ist einem Verklärungsbedarf der höheren Denkungsart gewichen.
    Hinter dieser Fahne geht es in den Untergang, weil in der moralischen Selbstrettung auf jedes andere Wissen als das Bescheidwissen Verzicht getan wird.
    Ich sehe nur eine Möglichkeit, dieses Deutungsangebot zu retten. So wie die »Leistungsträger« rumlaufen, sind sie in ihrer schieren Existenz ein Täuschungsangebot an den Hausverstand.

  5. @Christian
    Na, für alle gibt es auch eine Verhältnismäßigkeit die sich am Gemeinsinn ( Volk) orientiert, und das hat mit höheren Denkungsarten nix am Hut. Ebenso wenig wie ein Peer Steinbrück, der eine ausschließlich seiner Denkart entsprechenden Leistungsideologie frönt, den Mist auch noch unter’s Volk bringt, aber selber nicht bereit ist seiner eigenen Ideologie Genüge zu tun. Wenn er sagt, das der Staat nur für Leistungs‑, die möglichst noch kinderkriegende Gebärmaschinen sind, zuständig ist, dann lügt er einerseits, weil er A das gar nicht entscheiden kann, B irgendwie das Grundgesetz falsch verstanden hat, und trotzdem verbreitet er eine Ideologie, die zusätzlich noch voll von Widersprüchen ist. Da hier so alles, wie’s solchen Politleuchten in den Kram passt, — also Lüge, Ideologie, Druck-Zwang an Frau/Mann gebracht wird, sollten wir nicht zu sensibel sein. Das betrifft auch Deutungshoheit. Und epikur als König zu wählen entspricht, von der demokratiefeindlichen Gesinnung die man da fälschlicherweise vermuten könnte, einfach einer moralischen Verhältnismäßigkeit. Es macht Sinn den König zu wählen, der selber keiner sein will :-) Und Täuschungsträger ist ein gutes Sinnbild, welches auch die Lüdden aus meiner Nachbarschaft verstehen würden.
    Das immer alle alles so kompliziert sehen müssen, während von der anderen Seite Leute mit Hammer und Meißel das Volk bearbeiten ;-)

  6. Auch der rhetorischen Frageform, derer ich mich bedient habe, kann und soll Widerspruch entgegengebracht werden, sollte aber nicht als reine Feststellung aufgefasst werden, denn dann würde ich keine Frage formulieren ;)

    Insofern hinterfrage ich die Leistungsträger-Ideologie, indem ich darauf aufmerksam machen wollte, dass nach dieser Logik auch Kriminelle gemeint sein müssten — auch wenn Gesetz und Moral dem zuwider laufen würden. Genau diese kümmert aber große Unternehmen schon lange nicht mehr sonderlich, seien wir mal ehrlich. BASF kippt ihre Chemieabfälle in afrikanische Seen, Textilien-Unternehmen beschäftigen sog. »Sweat-Shops«, viele große Konzerne arbeiten mit Diktaturen zusammen, die angeblich moralischsten Länder der Welt (samt ihrer Unternehmen) verkaufen weltweit die meisten Waffen, in Deutschland gibt es einen Überwachungswahn seitens der Bahn, Telekom, Lidl usw. — Beispiele lassen sich hier endlos fortsetzen.

    Ergo: nicht alle Leistungsträger sind Verbrecher. Aber Verbrecher können durchaus Leistungsträger im Wortsinne sein. Denn was zählt, ist eben nicht die Art der Tätigkeit oder der Weg zur Erlangung des Profites, sondern nur der Profit selbst, der diesen vermeintlichen Status bestimmt. Deswegen wäre es eben nur konsequent auch vermeintlich »echte« Verbrecher als Leistungsträger zu adeln. Was natürlich nicht geschehen wird, da wir ja einen so hohen moralischen Kodex haben, der auch eingehalten wird *ironie*

    Wir sollten wieder dahin kommen, Handlungen und Tätigkeiten — fernab der finanziellen Entlohnung — beurteilen und bewerten zu können! Dann können wir den Begriff »Leistungsträger« auch dorthin verbannen, wo er hingehört — in den Papierkorb!

  7. Doch doch. Ich bin nach wie vor dafür, die Dinge auseinanderzuhalten, weil sie zu ganz unterschiedlichen Resultaten führen.
    Das moralische Urteil ist ein »Eh-scho-wissen« und führt zu der sehr befriedigenden Selbstgratifikation, die einen Großteil unserer bloggerei ausmacht. Man fühlt sich komischerweise hinterher sogar mit der Welt versöhnt, wenn man ihren Sauereien mal wieder heimgeleuchtet hat.

    Ich teile diese Stellung als Motiv und Ausgangspunkt. Und Deine Schelte auf die Steinbrücks dieser Welt geht auch bei mir in Ordnung.
    Als Endpunkt genommen ist das moralische Abkanzeln aber ein Eingeständnis der seufzenden Ohnmacht, die gesprochen, ihre Seele jedoch gerettet hat. Daran ist doch gar nix Kompliziertes.

    Gegen diese Kuscheligkeit wollte ich an die härtere Grundlage, an dem sich das Urteil entzündet, erinnern: was ein Verbrechen ist, bestimmt der Rechtsstaat, zack, und das ist auch nix Gemütliches. Ich bin also gegen die Auffassung, dass Verbrechen eine Steigerungsstufe von moralischer Verwerflichkeit ist. Ist die Gewalt der Gesetzbücher tatsächlich das Zuschlagen der Moral? Dann wäre ja Gerechtigkeit und Recht das selbe. So kompliziert kann ich nicht denken.

    Und getäuscht wird bei dieser Sauerei der legitimierten Ausbeutungsmaßstäbe wirklich nur einer, dem seine Täuschung eh scheissegal ist.

  8. 1. Ein guter Teil der Intelligenz oder der fürs Geldverdienen vorteilhaften Anlagen sind genetisch oder durch das Elternhaus kulturell bedingt — also sind vielfach Leistungsfähigkeit keine Leistung des Einzelnen selber sondern etwas, was durch Zufall (Gene), Elternhaus oder (kulturelles) Umfeld bedingt ist. Da dies aber nichts mit persönlicher, verantwortunsvoller Anstrengung zu tun hat, ist dies auch nicht zu belohnen, denn es sind Eigenschaften und Zustände, die außerhalb der Einflussmöglichkeiten des Individuums liegen.

    Zumindest ist dafür Sorge zu tragen, dass von Natur und Elternhaus weniger zufallsbeglückte Individuen einen kulturellen, finanziellen und akademischen Mindestausgleich sowie Schutz vor Ausbeutung erhalten, sprich: Kulturförderung, Sozialstaat und Chancengleichheit in der Bildung, auch für Erwachsene und natürlich Rechtsstaat, auch für Arme!

    2.
    Das US-amerikanische Bagelexperiment:
    Ein Amerikaner hatte folgendes Geschäftsmodell: morgens lieferte er einen Korb Bagels (Brötchen) und Frischkäse an Firmen, stellte dies in der Teeküche auf und plazierte eine Spardose daneben. Wer einen Bagel mit oder ohne Frischkäse essen wollte, sollte 1 Dollar in die Spardose einschmeißen. Abends holte dann der Unternehmer die übriggebliebenen Bagels und Frischkäse und natürlich die Spardose wieder ab.
    Dank geringer Personalkosten und geringer Investitionssumme funktionierte das Modell im großen und ganzen auch, ein bischen Diebstahl wurde halt einkalkuliert, wurde zuviel geklaut, wurde die jeweilige Firma eben einfach nicht mehr beliefert.
    Die Zahlungsmoral ergab sich beim Vergleich der Anzahl der Dollars und der Anzahl der »verkauften« Bagels, denn die übriggebliebenen Bagels wurden ja wieder abgeholt.
    Eine Firma hatte nun 2 Etagen in einem Wolkenkratzer gemietet, Sekretärinnen und Assistenzen unten, Manager oben. Beide Etagen wurden mit Bagels und Frischkäse und Spardose beliefert.
    Preisfrage:
    In welcher Etage war die Zahlungsmoral höher? Bei den gutbezahlten Managern oder den schlechter bezahlten Sekretärinnen und Assistenten?

    Bei den Sekretärinnen und Assistenten!
    Anscheinend braucht es also eine gehörige Portion Kriminalität, um Karriere zu machen. Karriere macht, wer die Fähigkeit hat, den anderen über den Tisch zu ziehen, wenn man nicht erwischt wird!

  9. @Asterix
    Dahin kommt es , wenn man die Mores (Sitten und Standards der Durchkapitalisierten) zum Be-Urteilen heranzieht. Dann hat man eine Gen-debatte am Hals, die den gängigen Umgang mit den Leuten für okay erklärt, und kriegt die kürzeste Staatsableitung gleich obendrein.
    Wann und wo haben die genzufallsmäßig Benachteilten die Parole zum Staatsschutz ausgegeben? Ach, da ist Sorge dafür zu tragen? Ich weiß schon von wem.
    Soweit ich weiß, ist das Klau-Gen noch nicht gefunden worden, wie das Anständigen-Gen der Staatsbedüftigen noch seiner Entdeckung harrt. Und die Einführung weiterer Variablen für das Erbringen der geforderten Leistung verdankt sich auch dem selben Maßstab der Selektionsrampe: »Bringt-er´s«?

    Sollte das Resultat des Bagel-Experiments tatsächlich eine höhere Klau-Quote — aus welchen Gründen auch immer — bei den Funktionären aufweisen, wird ein kluger Kaufmann eben einen anderen Preis fordern. Wir zahlen doch auch bei den Aldis die Schwundquote von 14 % mit, quer durch alle Kriminalitäts-Energie-Kulturschichten-Genträger.

  10. @Christian Klotz:

    das »Klau-Gen« hat noch keiner gefunden, wohl aber das »Gier-Gen«. Wurde doch neulich durch die Boulevardpresse getrieben. Deswegen sind uns Topbanker auch gar nicht schuld an der ganzen Misere. Ist ja genetisch bedingt. *g*

    Was Recht und Gerechtigkeit angeht, frag einen Juristen. Irgendeinen. Jeder wird Dir sagen, daß das Recht nichts mit der Gerechtigkeit zu tun haben kann. Weil Gerechtigkeit subjektiv ist. Immer.

    »Ich bin also gegen die Auffassung, dass Verbrechen eine Steigerungsstufe von moralischer Verwerflichkeit ist.«

    Warum? Weil die Delikte im Strafgesetzbuch stehen? Die stehen im Strafgesetzbuch, weil die Gesellschaft diese Delikte als moralisch verwerflich erachtet. Deswegen stand Homosexualität (genauer gesagt, die vollzogene zwischen einem Erwachsenen und einem Minderjährigen — wohlgemerkt, keinem Kind, sondern einem Jugendlichen!) auch früher drin und heute nicht mehr (den Paragraphen dazu hatte ich mal im Kopf, bei Bedarf kann ich ihn auch raussuchen).

    @Asterix: Ganz so eng würde ich das bezüglich Genetik nicht sehen wollen; allerdings teile ich auch nicht die Meinung eines Bekannten, der zwei Ansichten vertritt:

    1. Jeder kann es ganz nach oben bringen, er muß es nur wollen.
    Das ist offensichtlicher Bullshit. Wie jemand mit einem IQ von 80 aus schlechtestem sozialen Umfeld es ganz nach oben bringen soll, ist mir ein Rätsel.

    2. Viele (sic!) der ganz erfolgreichen Leute haben ganz unten angefangen.
    Das halte ich für eine verbreitete Lüge. Klar, es gibt ein paar Vorzeigeleute wie Bill Gates, die in einer Garage angefangen haben — und damals ging das noch eher. Heutzutage ist die Durchlässigkeit nach oben stark gesunken. Wer gibt denn heutzutage einem Garagenbastler noch Kredit ... um nur ein Beispiel zu nennen.
    Aber diese Lüge braucht’s, damit der Pöbel nicht aufbegehrt.
    Übrigens, der Mann ist Manager. Kriegt selbst den Hals nicht voll, jammert aber ständig, das Volk möge sich doch in Bescheidenheit üben — Gewerkschaften braucht doch kein Mensch. Jeder soll seinen Lohn selbst aushandeln, ggf. zieht man halt um ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.