Neusprech: Personenschaden/Antipersonenminen

»Liebe Fahrgäste. Wegen eines Personenschadens verzögert sich die Weiterfahrt. Bitte haben Sie etwas Geduld.«

- Ansage der Deutschen Bahn

Als »Personenschäden« werden getötete oder verletzte Menschen bezeichnet. Ob im Verkehr, auf dem Arbeitsplatz oder bei Bahn‐Suiziden — der Begriff klammert den Menschen aus und macht ihn zu einer Sache. Ähnlich verhält es sich bei dem Terminus der »Antipersonenminen«. Menschen, die von Minen verkrüppelt, entstellt oder getötet werden, sind semantisch »Antipersonen«. Beide Begriffe verschweigen sprachlich den Bezug zum Menschen und versuchen rein funktionell zu wirken. Schließlich soll eine normative oder gar moralisch‐negative Assoziation vermieden werden.

Beide Begriffe belegen den sprachlichen Trend eines funktionalistischen Bürokratendeutsch. Der Mensch ist kein Individuum mehr, mit Wünschen, Ängsten, Werten und Lebensvorstellungen, sondern eine Sache, ein Ding, ein Rädchen im Getriebe, eine Ware, eine Nummer. Menschen werden nicht verletzt, sie nehmen »Schaden«, wie ein technisches Gerät oder eben eine tote Sache. Die gezielte Schwammigkeit beider Begrifflichkeiten trägt zu einer Entemotionalisierung bei. Niemand soll hier groß Gefühle zeigen, wenn Menschen vor Verzweiflung Suizid begeben und sich vor den Zug werfen oder wenn Kleinkinder auf Minen treten und zerfetzt werden — die Begrifflichkeiten sagen uns, dass wir diese Dinge sachlich und rational wahrnehmen sollen. Emotionalität ist eben nur erlaubt, wenn diese wiederum im mechanischen Prozess der Verwertungs‐ und Verwurstungsindustrie eingebettet sind, wie bei dem Robert Enke Fall.

Es macht sprachlich‐kognitiv eben doch einen großen Unterschied ob man von »Personen« oder  von »Menschen« spricht. Was würde wohl mit »Menschenschaden« bzw. »Antimenschenminen« assoziiert werden?

»Etwa 70 Prozent der heimtückischen Waffen (Antipersonenminen) treffen unschuldige Opfer«

- das Rote Kreuz zu Antipersonenminen

9 Gedanken zu “Neusprech: Personenschaden/Antipersonenminen

  1. Du hast natürlich ganz recht.
    Ich habe einmal nachts, schlaflos auf Besuch (selbst habe ich zum Glück gar kein Fernsehen), im Sender N24 stundenlang sympathische junge amerikanische SoldatInnen von den verblüffenden Vorzügen ihrer jeweiligen Waffensysteme schwärmen hören – ohne dass während der gesamten Zeit auch nur einmal, und sei es noch so durch die Blume, angedeutet wurde, dass diese herrlich effizienten Geräte nur dazu dienen, möglichst viele Menschen umzubringen, geschweige denn, dass auch diesen netten Amis in Uniform selbst beim Einsatz in Konsequenz eventuell Verletzungen oder Tod drohen könnte. Gespenstisch...
    Und erinnert sich der/die eine oder andere etwas Ältere vielleicht noch, dass Leute, die im zweiten Weltkrieg Beine, Arme, Augen etc. eingebüßt hatten, ganz offiziell „Kriegsbeschädigte“ genannt wurden? Wahrscheinlich soll, wie Du sagst, dadurch jegliche Empathie ausgeschaltet werden...
    Andererseits, wenn Ms. Merkel von „den Menschen“ spricht, als sei das eine minderwertige Gattung, der sie selbst Gottseidank nicht angehört, merke ich auch immer, wie mein Aggressionspegel steigt... Die Bezeichnung allein macht es also noch nicht.
    LG, Saby

  2. @saby
    Das kann ich unterschreiben.
    Sprachkritik hat nämlich einen Mangel darin, daß sie einen Sprachidealismus der Reinheit von Bedeutungen zur Grundlage hat, und die Situation des sprechenden Jupiter ausblendet, wenn der dem Rindvieh erzählt, dass es genau das selbe eben nicht dürfe.
    Darauf zu verzichten, wäre aber erst recht verfehlt.

  3. Ich bin ja inhaltlich bei dir wenn es z.B. um sogenannte »Gefährder« oder ähnliches geht aber die zwei Beispiele die du gebracht hast sind schlecht.

    1. Personen sind nun mal ein juristischer Begriff. Tritt ein Schaden bei einem Menschen auf, so ist es Personenschaden, tritt er bei einer Sache auf, dann ist es Sachschaden. Diese Begriffe sind ewig alt und zudem ist deine Unterscheidung Person und Mensch mehr als künstlich. Eine Person ist ein Mensch im allgemeinen Sprachgebrauch. Niemand denkt an eine Firma wenn er Person hört, was im Juristendeutsch ja genauso zutreffen kann.

    2. Anti‐Personenmine ist doch eine der wenigen Ausdrücke des Militärdeutsch welches eben nicht die tatsächliche Bedeutung versteckt. Du streust Minen aus und die wirken gegen Menschen. Also Anti‐Personenwirkung. Wenn du solche Begrifflichkeiten kritisieren willst, schlage ich dir folgende Begriffe bzw. Redewendungen vor:
    — Der Feind wird nicht getötet, er wird »kampfunfähig« gemacht.
    — Auf den Feind wird nicht geschossen, auf den Feind wird mit den Waffen »eingewirkt«.
    — Kolleteralschaden
    — usw. usf.

  4. @saby
    Hat auch was schönes. An der Art und Weise wie jemand »die Menschheit« mit »der Mensch«, »den Menschen«, »der Menschen«, oder »die Menschen« versucht zu beschreiben, bzw. umschreiben, — heraus zuhören welches Verhältnis der Sprecher dazu sein Eigen nennt, — hat selber etwas mit Empathie zu tun.
    Im Mangel darin liegt, meiner Ansicht nach, auch oft das Geheimnis verborgen, warum so viele alles einfach so hinnehmen was gesagt wird. In mancher kleinen Äußerung, oder Geste, liegt oft mehr Aussage als im ganzen Gerede drumherum.

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  6. Auch auf die Gefahr hin als unqualifiziert zu gelten, so möchte ich doch zwei Dinge zu bedenken geben.
    1. »Menschen, die von Minen verkrüppelt, entstellt oder getötet werden, sind semantisch »Antipersonen«« Der Begriff Antipersonenminen richtet sich auf den Zweck der Mine, nämlich Personen zu treffen. Dabei sollen ja eben EIGENTLICH keine Menschen, sondern Personen — sprich Menschen mit bestimmten Funktionen oder Eigenschaften (z.Bsp. Soldaten) getroffen werden. Daher der Begriff und der hat meiner Meinung nach dann nichts mit dem Resulat (nämlich verletzte/getötete Menschen) zu tun. Was ich eher daraus ziehe ist, das gewollte Opfer Personen sind und nicht gewollte Opfer keine Personen und daher vllt ersatzweise als Menschen bezeichnet werden. Fraglich bleibt aber natürlich, ob man tatsächlich davon ausgehen kann, das es eine direkte Zielrichtung der Minen und demnach Personenopfer gibt. Wahrscheinlich nicht, denn letztendlich richten sich Waffen doch immer gegen Menschen.

    2. Warum nicht Anti‐Menschen... — bei Waffen könnte man die eben genannte Begründung anbringen, das Anti‐Menschen‐Schaden bereits im Begriff impliziert wird und sowas wie Anti‐Person den Umfang des Schadens vermitteln soll. Bei Personenschäden zieht das natürlich nicht, aber die Bahn möchte ihre Fahrgäste doch auch nicht mit derart emotionalen Stress belasten, wenn man schon Unsummen dafür ausgibt. Schaden an Menschen, sei es durch Suizid oder einem Unfall — dafür ist in einer Gesellschaft, wo ein jeder (meist) nur sich selbst sieht, einfach kein Platz.

  7. @sephi

    In einer Anfrage an die Bundesregierung vom 5. September 1995 definierte die damalige Bundesregierung die »Antipersonenminen« wie folgt:

    Landminen sind Kampfmittel, die unter, auf oder nahe dem Erdboden angebracht werden und dazu bestimmt sind, durch die Gegenwart, Nähe oder Berührung einer Person (Schützenabwehrmine/Antipersonenmine) oder eines Fahrzeuges (Panzerabwehrmine) zur Detonation oder Explosion gebracht zu werden.

    Antipersonenminen sind ausschließlich gegen Menschen gerichtet.

    @schlingel

    Die Beispiele die Du für eine Untersuchung vorschlägst, sind typische militärische Euphemismen und werden häufig thematisiert. Ich wollte eher darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur typische Euphemismen im militärischen gibt, sondern eben auch Begriffe, die den Menschen verdinglichen, zu einer Sache machen, ihn funktionell reduzieren — als Ziel oder Schaden.

    Die Unterscheidung zwischen »Person« und »Mensch« sehe ich schon gegeben. Auch wenn — wie hier schon richtig gesagt — es immer auf die Intention des Sprechers ankommt. »Angela menschelt« ja gerne mal ohne menschlich zu sein. Für mich ist die Konnotation des Begriffs »Person« schwammig, nebulös und ungenau (ja ich weiß, juristisch ist er fest definiert. Es geht hier aber um die Assoziation des Begriffs.). Mit »Mensch« verbindet man eher die Menschenrechte, das Recht auf Leben und Würde. Vermutlich sehe ich das ganze aber auch zu subjektiv. Aber dafür ist ein Blog ja auch da, oder? ;)

  8. Nichts anderes hab ich behauptet. Ich wollte nur ausführen, wieso es halt Antipersonen‐ und nicht Antimenschenmine heißen könnte.

  9. Interessant finde ich die Bemerkung des Roten Kreuzes. 70% aller Antimenschenminen treffen »unschuldige Opfer«. Heißt im Umkehrschluß, 30% sind schuldige Opfer? Hallo? Was hat ein Mensch denn getan, daß er es nach dieser Logik verdient hat, von einer Mine das Bein abgerissen zu bekommen — oder ähnliche, fürchterliche Verletzungen zu erleiden? Weil er Soldat ist?
    Auch diese sprachliche Logik gilt es, zu hinterfragen.

    Aber die USA überlegen ja jetzt, ob sie den Scheiß nicht doch aufgeben wollen. Allein, wenn es der Sicherheit dient, sind ein paar tausend zerfetzte Kinder doch kein Preis — oder?

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