Neusprech: Flexibilität

»Bundespräsident Köhler forderte die Bürger Ostdeutschlands zu mehr Flexibilität bei der Suche nach einem Arbeitsplatz auf — Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West nicht machbar«

- aus der Wirtschaftswoche vom 11.9.2004

Das aus dem lateinischen kommende Wort »flexibel« bedeutet übersetzt zunächst so etwas wie biegsam, elastisch und anpassungsfähig. Flexible Arbeitszeiten können Wochenendarbeit, Nachtarbeit, Teilzeitarbeit, Feiertagsarbeit usw. sein.  Unternehmer fordern heute von ihren Arbeitskräften eine hohe Anpassungsfähigkeit — bei der Bezahlung, dem Arbeitsplatz sowie den Arbeitszeiten. Flexibel im Sinne, wie der Unternehmer es gerade braucht, um den größtmöglichen Profit daraus zu schlagen. Nicht euphemistisch ausgesprochen bedeutet demnach eine hohe Flexibilität eine hohe Ausbeutbarkeit des Arbeiters.

Dabei ist die Flexibilität von Arbeiter und Unternehmer nicht gleichberechtigt: der Unternehmer kann sein Hauptbüro in einer Steueroase errichten oder gleich eine ganze Fabrik in ein Billiglohnland verlagern, der Lohnempfänger ist heimatgebunden. Die geforderte Flexibilität ist also in der Regel einseitig zugunsten des Unternehmers und zum Nachteil des Lohnarbeiters.

Die Arbeiter können so ihre Freizeit immer schwerer bewusst planen. Jederzeit abrufbar und verfügbar zu sein sowie Überstunden zu leisten macht es Menschen zunehmend unmöglich, ein intaktes Familienleben zu führen und soziale Bindungen aufrecht zu erhalten. Der Soziologe Richard Sennett beschrieb in »der flexible Mensch« wie ein hohes Maß an geforderter Flexibilität den Menschen kaputt macht. Er werde zunehmend von Angst, Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung beherrscht. Dieses Schlagwort ist außerdem eine neoliberale Formel, welche für die Abschaffung sozialer Errungenschaften einsteht. Lebensrisiken der Lohnarbeiter sollen privatisiert werden, damit das Unternehmen eben flexibler sei, sprich: mehr Profit machen kann. Die geforderte Biegsamkeit besitzt somit einen weitestgehend totalitären Charakter, da sie Auswirkungen auf viele Lebensbereiche zeitigt.

»Wir müssen erkennen, dass wir denen, die Arbeit haben, eine sehr viel größere Flexibilität zumuten müssen, um im Land insgesamt eine stärkere wirtschaftliche Dynamik auszulösen«

- der frühere Hamburger Bürgermeister und SPD Mitglied Klaus von Dohnanyi im Interview mit SpiegelOnline

5 Gedanken zu “Neusprech: Flexibilität

  1. Ich bin ja ein großer Fan von Eurer Neusprech‐Rubrik. Auch diesmal wieder: exellent! Flexibilität im Sinne der Wirtschaft ist ja leider etwas anderes als Flexibilität im Sinne der Überlebensfähigkeit der sozialen Spezies Mensch. Die Auswirkungen der zunehmenden Flexibilisierung für die Wirtschaft werden für das menschliche Zusammenleben verheerend sein (wenn sie es nicht schon sind, mancherorts scheint es ja noch zu funktionieren, das soziale Gefüge, ich kenne fast nur Orte wo es schon knarrt und kracht an allen Ecken und Enden und die Menschen dabei seelisch und körperlich drauf gehen).

    Flexibilität bis Mensch sich zur Unkenntlichkeit selbst verstümmelt hat, nur damit einige wenige den Nutzen daraus ziehen. Ich finde das System unmenschlich.

  2. tolles denken! Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Wortwahl Flexibilität mit ihrem Gewaltbezug schon viel über dessen Verwender sagt, wenn man daran denkt, dass es ein humanes Äquivalent zur Flexibilität in psychologischer Hinsicht gibt: Plastizität. Seelen können sehr plastisch sein. Viele Humanistische Psychologie‐ und Therapieansätze haben eine plastischere Erlebensweise als Ziel. Eine solche Seele vermag sich gewaltfrei durchreichend zu verändern. Eine flexible Seele muss Teile verdrängen und unterdrücken, weil unter äußerem Zwang.

  3. @romano: Kannste mal ein paar von den Therapieansätzen nennen. Die Sache interessiert mich. Plastizität, den Begriff kannte ich so bisher nicht. (Plastination schon *g*) Wiki gibt dazu auch nicht wirklich was her.

  4. Pingback: Quasipresseschau 196 | NIGHTLINE

  5. SEHR GUTER Beitrag.

    Sie zeigen sehr klar auf, dass »Flexibilität« lediglich die Flexibilität des Arbeitnehmers, sprich, die bessere Ausbeutbarkeit der Schwachen bedeutet.

    Arbeitgeber kommen ihren Arbeitnehmern hingegen in keiner Weise flexibel entgegen. Ich kenne ein Beispiel einer alleinerziehenden Mutter, die in einer »Verpackungs‐ und Umpackungsabeitlung« in D arbeitete (100er Verpackungen in 10er Verpackungen umpacken usw.). Die wollte gerne morgens 1 Stunde später kommen und dafür 1 Stunde später gehen (Kindertagesstätte war halt von 8 bis 18 Uhr). Das ging angeblich nicht, obwohl das Umpacken eigentlich zeitlich gut berechenbar ist, d.h. allein aufgrund der Menge der ihr zugeteilten und erledigten Arbeit hätte man die Arbeitsleistung der Frau kontrollieren können, Stechuhr war auch vorhanden.
    Na, ist sowas nicht erbärmlich?
    Sie musste Betriebsrat und Kollegen einschalten, damit sie die kinderfreundlichen Arbeitszeiten bekam und selbst dann hat sie so mancher Kollege noch schief angeguckt und was von »will auch morgens ausschlafen« gemurrt, obwohl sie ja genauso viel gearbeitet hat wie die anderen.

    Flexibilität heißt eigentlich nur »Zustimmung der Schwachen zu größerer Ausbeutung«.

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