Die Sklavenmoral

Arbeit, Arbeit, Arbeit. (Lohn-)Arbeit ist der Sinn des Lebens. Nur wer arbeitet, für seinen Herren schuftet und ein paar Brotkrumen von ihm bekommt, soll Anerkennung erhalten. Arbeitslose sind faule Säcke, Asoziale, Überflüssige. Wir wollen und wir brauchen sie nicht. Jeder der arbeiten will, findet doch auch Arbeit! Dem folgt also, dass Arbeitslose nicht arbeiten wollen. Sie sind Schmarotzer, Parasiten, leben auf Kosten der Allgemeinheit. Sie zu treten, ihnen Verachtung ins Gesicht zu schleudern ist legitim — ja, die Pflicht eines jeden aufrechten Arbeiters! Denn nur wer auch arbeitet, ist ein wertvoller Mensch. Arbeit, Arbeit, Arbeit.

20 Gedanken zu “Die Sklavenmoral

  1. Arbeit Arbeit Arbeit, alles erledigen, abhaken, ablegen, abheften, einordnen, aufräumen, kind steh auf, los anziehen, schnell iss noch was, los los, in den kindergarten mit dir, in die schule, lerne lerne, mach hausaufgaben, räum dein zimmer auf, kindergarten aus, kind totmüde, ab ins bett, mittagschlaf, welch ein luxux...was zeit für kinder? mittags? unmöglich! lass die in der kita im matratzenlager ausruhn! geh arbeiten arbeiten arbeiten, rechnungen rechnungen rechnungen, kind braucht ganztagesbetreuung, darf erst abens nach hause und muss früh zu bette, damit es morgens raus kommt...arbeiten arbeiten arbeiten, rechnungen rechnungen rechnunen, mieterhöhung, stromerhöhung, nebenkostenerhöhung, lohndumping, kurzarbeit, ein tag mehr zeit fürs kind, noch ein tag mehr zeit fürs kind, kündigung, arbeitslos. noch mehr zeit fürs kind. rechnungen rechnungen rechnungen, mieterhöhung, sanktionierung, zwangsumzug, zwangsarbeit, ganztagesbetreuung plus 2 abende babsitter für den nebenjob...rechnungen rechnungen rechnunge, arbeiten arbeiten arbeiten. kind schnell noch nen gutenachtkuss geben, ab ins bett, nein keine gutenachtgeschichte mehr, zu spät, muss gleich los...arbeiten arbeiten arbeiten. kind braucht bildung, nachhilfe, therapie.noch mehr arbeiten, arbeit und bildung sind menschenrecht.

  2. Vorweg gesagt: Ich stimme dem Grundtenor zu.
    Jedoch bekomme ich jedes mal bei solchen Absätzen ein unwohles Gefühl — ähnlich dem Lokalbesucher der, im Gegensatz zu den dafür zuständigen, bemerket dass die Platte mit der Hintergrundmusik einen Sprung hat.
    Es fehlt der gefühlvolle aber bestimmte Schupser der die Nadel wieder in die Rille bringt.
    Oder anders gesagt; was würdet ihr verändern wenn ihr König von Deutschland währt ? ...

  3. @rainer

    in indonesien habe ich gelernt, wie es sein kann, wenn arbeit und leben — familenleben und dorfleben, eine einheit sind. alle arbeiten dort ständig, aber sie leben, sie teilen sich die arbeit, die kinderbetreuung, die zeit, die muse, die kunst und das kulturelle...

    ich will hier wirklich nichts romantisieren und ich spreche auch nicht von jakarta, wo ganze familien neben bahngleisen »leben« und müll sammeln oder betteln müssen.

    aber es gibt dort dorfgemeinschaften, wo diese einheit, gelebtes leben, tatsächlich noch in takt ist. wenn auch die probleme, der klimawandel, und die ausbeutung durch marktradikale und spekutlanten, dort nicht außen vor bleiben und es immer schwieriger wird, sich davor zu schützen

  4. @antiferengi
    Jupp! Aber nicht ganz.
    Ich wünschte ich währe König — echt prächtig.
    Aber wer hat sich das nicht schon mal vorgestellt?
    Nur wenn man diese Phantasie etwas länger laufen lässt klingelt der erste Untertan mit einem Problem an der Tür — und dann der nächste usw...
    Und dann ist man doch recht froh den Traum zu verwerfen und die Schuld bei den da oben abladen zu können...

  5. @Reiner
    Sorry, — muss ich dir wiedersprechen. Den da oben wählt irgendjemand.
    Ein Volk ist nur so gut wie seine Regierung, und andersherum.
    Das ist es was uns vom Königreich unterscheidet.
    Nur, haben wir den Bogen nicht raus rechtzeitig zu verhindern wann die Regierungen wieder zu Königshöfen werden. Wir hadern ja nicht nur mit denen da oben, — wir hadern mit dem Phlegma und der Ignoranz.

  6. @antiferengi
    OK, wenn du meinst — dass das »Volk« (also du und ich) mit sich selbst hadert — hab ich das verstanden. Aber sich darüber beklagen ist nicht die Lösung. Will sagen: Es muss doch immer auch ein Verbesserungsvorschlag -Idee dabei getan werden...

  7. Ist das nicht die höchste Form des Liberalismus. Man hat die Freiheit so viel zu arbeiten wie man will. Wenig ist halt schlecht, da man dann unter die Räder kommt. :)
    Begründet wird diese Form des Fetischs mit dem unglaublichen Wettbewerb. Ähnlich wie bei einem Polittalk gestern wird halt die spontan, eigentlich vorher nie existierende Globalisierung als Grund genommen. Als ob vorher alle Industriestaaten zusammen gegen den Osten angetreten wären.

  8. Du rüttelst ja an einer der Säulen dieser Gesellschaft. Arbeit im Namen der Eigentümer. Letzteres ist natürlich eine andere Säule, die recht besehen, gar keine andere, sondern Ausdruck desselben Gedankens ist. Du bist demnach ein Aufrührer. Vielleicht reichen solche Sätze schon bald, um bestraft zu werden. Wundern würde mich das nicht. Wir leben in radikalen Zeiten.

  9. Liebe Geheimrätin,
    Du hast den Tages‐ ach nee stimmt nicht, den Lebensablauf der meisten Menschen einer — ach so »zivilisierten Welt« — hervorragend beschrieben. Bleibt nur noch zu ergänzen: Und dann wundern wir uns dass die Jugend so ist wie sie ist.

  10. @Geheimraetin

    Ich bin auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, 3 Generationen unter einem Dach (kurzzeitig sogar 4) mit Quasi‐Familienanschluss in der Nachbarschaft (Was nicht heissen soll, das ich dadurch besser als Andere bin!). In meiner Familie ist diese Art der Sozialisierung nach wie vor sehr ausgepraegt. In den kleinen Oertchen des Muensterlandes, sind solche Gemeinschaften noch haeufiger anzutreffen.

    Ich hab immer gearbeitet, um Leben zu koennen, kann mich aber auch, so sie mir Spass macht, ueber meine Arbeit definieren (wie zur Zeit). Grundsaetzlich finde ich die von euch beschriebenen Tendenzen sehr bedenklich und verabscheuungswuerdig. Sie sind aber dem Neoliberalen Zeitgeist geschuldet. Uebelste praekaere Arbeitsverhaeltnisse gab es schon immer (hab kuerzlich nochmal ›ganz unten‹ gelesen), die Grenzen verschieben sich aber immer mehr. Die Gewerkschaften weren immer schwaecher, die Gewerkschaftsfunktionaere gefuehlt immer korupter, die Kirchen (gerade die Katholische) segnen den marktradikalen Kurs der Wirtschaft (was kaum zur Sprache kommt) und die grossen Medien... naja...

    Es wird auf jeden Fall noch schlimmer werden! (Bevor es hoffendlich besser wird!) Gottseidank ist das Gefrickel am Grundgesetz nicht mehr ohne weiteres moeglich!

  11. @Reiner
    Noch ne kurze, ... dann muss ich wieder arbeiten,arbeiten,arbeiten....
    Der Verbesserungsvorschlag und die Ideen liegen doch schon lange vor. Mehr gefühlte und regierte Mitmenschlichkeit, und endlich mal wieder kein separiertes Menschenbild mehr. Dazu gehört zuallerst das Bild nach unten wieder geradezubiegen, und die herrschende Mentalität in Frage zu stellen alles nach seiner Effizienz bewerten zu wollen.
    Aber das ist etwas was man nicht in ein Konzept, oder eine Systematik pressen kann, — und es ist nicht kalkulierbar. Und das schlimmste, — es betrifft jeden, — ohne Ausnahme. (auch mich). Deshalb wird es allzu gerne ignoriert weil man sich dabei mit sich selber auseinandersetzen muss.
    Und wenn diese Ignoranz bleibt, — was bleibt übrig als zu hadern, und trotzdem immer wieder darauf hinzuweisen.

  12. @ reiner

    Ich möchte weder einen König haben, noch ein König sein. Denn Macht und Geld korrumpieren. Das können wir doch immer wieder beobachten.

    Und alternative Vorstellungen einer Gesellschaft gibt es doch viele. Die Geheimrätin hat Indonesien genannt. Ich nenne noch Venezuela, wo Mitbestimmung und Politik für das Volk zentrale Elemente sind.

    Trotzdem hat antiferengi recht. Zunächst muss aufgeklärt werden und sich das Menschenbild vieler verändern. Denn wer mit einem Menschenbild »der Mensch ist von Natur aus faul und muss zur Arbeit angetrieben werden« (Stichwort: Erwerbsanreiz) herumläuft, hat die Sklavenmoral schon verinnerlicht.

  13. Dazu passt die Antwort von Westerwelle auf die Frage »Würden sie für unter 5€ die Stunde arbeiten gehen« daraufhin Westerwelle »Ich sehe Arbeit immer auch als ein Stück Erfüllung die das Leben erst lebenswert macht«

    Arbeit als Selbstzweck,da kann einem nur schlecht werden wenn man daran denkt das solch ein krankes Hirn demnächst unsere Zukunft planen darf.

  14. Bei allem, was ich nach der Wahl so lese und hoere, frag ich mich, ob ueberhaupt jemand versteht, was so ueberall gesagt und geschrieben wird. Wer wusste denn vor 2 Jahren, was Boni sind ? Und wie hoch diese sind ? Wie gezockt wird an der Boerse ? Ich ziehe mich nun auf einen ganz einfachen Nenner zurueck: Jesus wurde von seinen Juengern gefragt, wie sie denn die im Schafspelz erkennen koennten. Seine Antwort: An den Taten werdet ihr sie erkennen. Ist das nicht schoen ? So einfach ist das. Ka.

  15. Bitte Bitte nicht so viel Schwarzmalerei. Ich hab mir schwarz‐gelb auch nicht gewünscht , aber wenn ich mir ansehe wie hier auf die Arbeit geschumpfen wird, muss ich doch auch den Kopf schütteln.
    Natürlich ist Lohnarbeit, wenn man sie wirklich aus der Not heraus betreiben muss ein Unding. Und bestimmt ist nicht jeder Arbeitslose einfach nur faul. Aber genausowenig ist jeder Arbeitslose ein tragischer Fall der vollkommenem Unrecht ausgesetzt ist.

    Ich bin auch kein Fan einer Ellenbogen‐ und Einzelkämpfergesellschaft, aber unsere Gesellschaft mit Indonesischen Dörfern zu vergleichen, finde ich dann doch etwas sehr weit hergeholt.

    @ Quotex: »Ich sehe Arbeit immer auch als ein Stück Erfüllung die das Leben erst lebenswert macht« — natürlich muss Arbeit anständig bezahlt werden, aber ganz Unrecht hat der Herr Westerwelle, den ich wahrlich auch nicht toll finde, hier nicht. Ich habe gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Rettungsdienst hinter mir. Das heißt 40‐Stunden Woche, oft alleinige Verantwortung über das Leben eines Menschen und als Lohn gabs 390€ pro Monat und 26 Tage Urlaub. Das macht einen Stundenlohn von weniger als 2,5€. Von der Behandlung durch den Chef mal ganz zu schweigen. Und trotz aller Höhen und Tiefen war ich abends zufrieden, weil mir der Dank meiner Patienten und das Gefühl etwas gutes und sinnvolles getan zu haben mehr bedeutet haben als die Vergütung in Bar.

    Zum Abschluss noch ein schöner Text zur Arbeit aus dem Propheten von Khalil Gibran, der bestimmt kein raffgierieger Neoliberaler war :)

  16. @dq

    Ja, ein FSJ machst Du ein Jahr lang in einer Zeit in der Du es Dir »leisten« kannst, weil Du noch zuhause wohnst oder in einer günstigen Wohnung oder WG. Nun stell Dir aber mal vor, Du hast eine Familie zu ernähren oder musst zu solchen Konditionen Dein Leben lang arbeiten? (Praktika, 1Euro‐Job, Leiharbeit usw.)

    Außerdem sollte man hier ganz klar zwischen Lohnarbeit, die in erster Linie dem Profit des Unternehmers dient (Industrie, Dienstleistungen usw.) und der soziologisch definierten Arbeit unterscheiden, die einem Erfüllung bringt (wie eben Ehrenamt, FSJ usw.).

    Für die meisten Menschen ist (Lohn-)Arbeit Zwang und keine Erfüllung. Oder wie erklärst Du Dir sonst die vielen traurigen und unzufriedenen Gesichter in der Öffentlichkeit? Glaubst Du, die Arbeit macht die Menschen glücklich? Wenn Wohlstand, Konsum und (Lohn-)Arbeit glücklich machen würden, wären wir doch ein sehr glückliches Volk, oder? ;)

  17. stimme epikur vollkommen zu.

    Arbeite ich selber im Sozialen projekten, wo meine UND die Entlohnung meines chefs schlecht ist, ist das bei weitem was anderes als wenn ich bei netto für 325€ arbeiten soll, weil die sich damit Anteile an Lohnnebenkosten sparen und somit (mehr profit) kosten senken.

    Schwesterwelle hat sicherlich in vielen sachen recht, trotzdem will ich erst sehen das er dafür sorgt das die Politiker ihre (Diäten) Gehälter senken. Denn wer glaubt das Putzen nur 4€ wert ist. Der hat sowas bestimmt nicht gemacht bzw. nicht im bewusstsein das man eh nichts besseres bekommt.

    Ja es gibt genug arbeit, für 1,5 € besorg ich euch arbeit. 1 € für mich da macht der Arbeitgeber doch einen satten Gewinn für 2,5€ die Stunde. Aber fragt mich nicht wie ihr zur Arbeitstelle kommt oder wieder nachhause. Das muss von den 1,5 € bezahlt werden und das Frühstück, Mittag und Abendbrot auch. Eure Miete zahlt der Staat das ist kein prob *gg*, das einzige das ihr machen müsst ist: Ersparnisse und Vermögen erstmal aufbrauchen und DANN, kriegt ihr auch eure Miete. Ach ja hab ich vergessen: Alg II anträge müssen persönlich abgegeben werden( nur vollständige Anträge können bearbeitet werden => zurück an Antragsteller). Aber nicht während der Arbeitszeit, neh?

    Annerkennung will jeder haben, aber dafür muss man nicht zwangsläufig arbeiten oder?
    Was die Herren vom Zeitgeistteam machen wird doch auch durch Annerkennung vergolten oder?
    Mom, ist das jetzt Arbeit oder nicht? *grübel*
    Ich persönlich finde: ja diesen Blog/ Forum/ Website aufrechtzuerhalten heißt ARBEIT. Aber diese Moderatoren hier wollen ja keine Werbung machen. *kopfschüttel* Naja dann ist es wohl arbeit die nicht mal 1 € pro monat bringt *fg*

    Weil jmd Arbeitet und dafür entlohnt wird, ist derjenige nicht mehr Wert. Siehe Ackermann und konsorten.

    Ein weiteres Problem von »Arbeit« ist, es muss einen Mehrwert geben, aber jmd der im Altenheim die scheiße weg wischt mehrt nicht wirklich etwas. Deswegen kann man ja auch getrost sagen die verdienen nicht soviel wie jmd. der etwas produziert/ vertreibt. Denn Soziale tätigkeiten sind nicht auf Effizienz angelegt sondern auf Wohlbehagen und Gesundheit der Bedürftigen.
    Das ist aber solchen kreaturen wie schwesterwelle egal, schließlich muss er es ja nicht machen. Er kennt auch niemanden persönlich der betroffen ist. Bzw. ihm ist es egal denn Arbeit geht vor sozialen kontakten.

    Arbeit kann befreien, aber auch anketten. Denn wenn man weiß das die leute von einem Abhängig ist, opfert man sich doch gerne. Aber ganz ehrlich, die leute brauchen nicht euch, Sie brauchen Jemanden. Eigentlich brauchen die leute kompetentere Leute als euch. Ist nicht bösgemeint, aber theoretisch müsste man schon Psychologe, Arzt, Pfleger, Lehrer und Unterhalter sein um die Älteren Semester wirklich anspruchsvoll zu pflegen.

  18. Arbeit erhält seinen individuellen Wert natürlich nicht nur durch Geld und gegebenenfalls auch gar nicht durch Geld.
    Die Anerkennung der eigenen Erwerbstätigkeit allerdings wird für den Erwerbstätigen aber in aller Regel auch durch die Entlohnung wahrgenommen. Wenn also derjenige der mich entlohnt durch meine Tätigkeit einen Profit erzielt und ich dann deutlich schelchter entlohnt werde als jemand der vermeintlich weniger leistet (oder unmöglich seiner Entlohnung entsprechend mehr leisten kann), dann bildet sich das Gefühl das meine Arbeit weniger anerkannt wird.
    Dies ist neben der Tatsache das es dazu führen kann, dass ich von meiner Hände Arbeit nicht sinnvoll leben kann, das große Problem der »Ausbeutung«.

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