Neusprech: die (freie) Marktwirtschaft

»Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden«

- John Maynard Keynes, britischer Ökonom der den Keynesianismus begründete

Gemäß Walter Benjamins These, nach welcher der Kapitalismus als eine Religion fungiert, ist der Markt der Gott aller (Neo-)liberalen. Diese Vergöttlichung des Marktes erlaubt es, ihm allerlei Kräfte und Wunder zuzuschreiben.

So treffen sich Menschen in der freien Marktwirtschaft auf vermeintlicher Augenhöhe, regeln ihr Leben selbstbestimmt und stillen ihre Bedürfnisse nach einem vermeintlich freien Prinzip von Angebot und Nachfrage. Schließen faire Verträge miteinander, handeln stets nach einem Kosten‐Nutzen Kalkül und haben das Recht auf Eigentum. Am Ende entspringt Wohlstand, Glück und Zufriedenheit, als quasi Nebeneffekt für alle Menschen heraus. Soweit das Ideal der freien Marktwirtschaft.

Ob die zunehmende Verdichtung und Konzentration von monopolartigen Konzernen, wie z.B. Microsoft, das tausendfache Schlucken, Aufkaufen und Zerschlagen von Unternehmen, um selbst der Veto‐Spieler auf dem Markt zu bleiben oder die systematische Verdrängung, Bestechung oder Korruption von Unternehmen weltweit – die freie Marktwirtschaft ist ein Konstrukt (neo-)liberaler Träumer. Die EU, die WTO, die Weltbank und der IWF regeln und steuern weltweit den Transfer von Gütern und Waren zugunsten der reichen Industrieländer. Die Entwicklungsländer werden in postkolonialen Abhängigkeitsverhältnissen gehalten. Die vier großen Stromkonzerne in Deutschland EON, Vattenfall, RWE und ENBW haben sich die Bundesländer in Deutschland untereinander aufgeteilt. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert, wie es bei Privatisierungen von großen staatlichen Unternehmen immer wieder zu beobachten ist. Banken die sich verspekuliert haben, rufen auf einmal nach dem Staat, welcher für die Schulden aufkommen soll. Auch sorgt der freie Markt ganz sicher nicht für weniger Armut und mehr allgemeinen Wohlstand, wenn nicht zugleich eine Verteilungsgerechtigkeit des gesellschaftlichen Reichtums sichergestellt ist – wie, z.B., die steigende Armut in Deutschland in den letzten Jahren beweist. Staatliche Subventionen für Unternehmen in Millionen‐ und Milliardenhöhe führen jede Ideologie des »freien ungehemmten Marktes« ad absurdum. Die Beispiele ließen sich hier endlos weiterführen.

Frei ist die Marktwirtschaft nur für die, die über ausreichend Kapital, Einfluss und Macht verfügen. Alle anderen müssen sich dem Gott‐Leviathan‐Markt ehrfürchtig ergeben, um genug Ressourcen zum eigenen Überleben zusammen zu bekommen.

»Wenn der Markt soziale Beziehungen herstellen könnte, dann würde sich Prostitution von einer Liebesbeziehung nicht unterscheiden«

- Gabriele Sorgo, Kulturhistorikerin und Universitätslektorin in der Wiener Zeitung


4 Gedanken zu “Neusprech: die (freie) Marktwirtschaft

  1. Da kannst Du schreiben, bis Dir die Finger bluten: wenns nicht klappt, dann ist nie »der« Markt schuld, sondern marktfremde Faktoren, wie z.B. staatliche Intervention (zum falschen Zeitpunkt) oder andere Stoerungen. Das ist weniger als Religion (trotz »Wirtschatswunder«) — das ist schlicht magisches Denken. Der Markt versagt nie, sondern »funktioniert« immer — gestoert wird er — wie gesagt — nur durch aeussere Einfluesse (obwohl es ein »aussen« inzwischen gar nicht mehr zu geben scheint); es war der Glaube nicht gross oder aufrichtig genug oder irgendein Depp hat das Ritual nicht korrekt befolgt usw. usf ..

  2. Hallo!
    Wahrscheinlich bin ich hier völlig falsch, aber auf der suche nach einer ehemaligen Brieffreundschaft bin ich auf dieser Seite gelandet. Kennt irgenjemand einen Markus Vollack aus Berlin?
    Gesucht wird er von Simone

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